Was macht eine gute Gerte aus?

Reiterhand im Detail mit Gerte

Die Equitana ist in vollem Gange und was ist wohl eines der meistverkauften Dinge dort? Richtig. Gerten sind es, die auf Turnieren, Messen und anderen großen Pferdeveranstaltungen gern gekauft werden. Grund genug, herauszufinden, was eine gute Gerte ausmacht. Wir haben bei zwei Handwerksbetrieben nachgehorcht, was die wichtigsten Eigenschaften der guten Stücke sind. Also: Worauf sollte man beim Kauf achten? Und, ganz wichtig für alle Turnierreiter: Welche Vorschriften gibt es zu beachten auf offiziellen Turnieren?

Die wichtigste Eigenschaft einer Reitgerte

„Die Gerte muss gut in der Hand liegen“, stellt Maria Werner  fest, die seit mehr als einem Jahrzehnt für den Peitschenmacher Rudolf Lobback verkauft. Dies sei die allerwichtigste Eigenschaft. Deshalb macht es auch Sinn, Gerten dort zu kaufen, wo man sie in die Hand nehmen kann. Nur: Welche Gerte diese Eigenschaft am optimalsten erfüllt, dies ist bei jedem Menschen verschieden. Da hilft nur: Testen. „Das ist wie bei Handschuhen“, sagt ihr Kollege erklärt Uwe Nitzling, der für die Handwerksfirma Döbert Gerten auf der Equitana verkauft. „Es ist eine Gefühlsfrage, jeder hat da seine Vorlieben.“

Frau vor Pferdekopf

Carbon oder Fiberglas?

Carbon ist das leichtere Material, Fiberglas ist der immer noch gängige Vorläufer davon. Nur bedeutet leicht sein nicht immer auch ideal in der Hand liegen. Maria Werner von Lobback hatte da auf der Equitana ein interessantes Kundenbeispiel: Eine Frau fragte nach einer leichten Longierpeitsche. Sie zeigte der Kundin eine Carbonpeitsche und eine Fiberglaspeitsche. Senkrecht gehalten war die Carbonpeitsche weitaus leichter als die Fiberglaspeitsche. Waagerecht gehalten jedoch, was der Longierhaltung eher entspricht, fühlte sich die Fiberglaspeitsche für die Kundin angenehmer in Hand und Handgelenk an. Dadurch, dass die Fiberglaspeitsche stabiler in sich selbst ist, gab sie das Gewicht anders in die Hand wieder, als die eigentlich leichtere Carbonvariante, erklärte Maria Werner. Die Kundin kaufte die Fiberglaspeitsche – obwohl die objektiv betrachtet die schwerere Variante war!

Gertenkauf: Günstig oder teurer?

„Der Unterschied zwischen billigen und teureren Gerten liegt in der Produktion und der Qualität“, sagt Uwe Nitzling. „Wer für zwölf Euro eine Gerte kauft, kann davon ausgehen, dass sie nicht in Deutschland produziert wurde und nicht so lange hält, wie eine hochwertig verarbeitete Gerte.“ Der Unterschied liegt auch in den Materialien, wie der Oberfläche oder der Detailverarbeitung: „Man kann Glitzer oder Swarovskis so anbringen, dass sie halten, oder so, dass sie beim zweiten Mal anfassen abgehen.“ Ein Vorteil von hochwertigen Gerten: „Wenn sich da etwas abnutzt, der Griff zum Beispiel, dann kann ich es überarbeiten oder ersetzen.“ Wie zum Beispiel auch den Schlag der Longierpeitsche, der bei ganz günstigen Modellen nahtlos in die Nylonumspanung übergeht. Bei solchen Modellen kann nichts mehr repariert werden, wenn der Schlag kaputt ist.

Gerte aussuchen: Kurze oder lange Gerte?

Maria Werner von der Gertenfirma Lobback sagt zum Thema Länge der Gerte: „Das kommt immer auf das Reiter-Pferd-Paar an.“ Fragen, die bei der Entscheidung weiterhelfen, seien zum Beispiel: Wie ruhig ist die Reiterhand? Wie groß ist das Pferd? Möchte der Reiter hinter dem Schenkel touchieren können oder bis zur Kruppe kommen?

Weiche oder starre Gerte?

Grundsätzlich gilt: Die Gerte bei tendenziell unruhigen Händen lieber etwas kürzer und starrer aussuchen. „Je gezielter die Hand arbeitet, desto eher darf es auch eine weichere Gerte sein“, sagt Maria Werner, doch letztlich zähle auch hier nur eins: „Das Gefühl des Reiters, er muss die Gerte gern in der Hand haben. Ich sehe das beim Verkauf: Die Leute haben dann auf einmal ein Strahlen im Gesicht, wenn sie die richtige Gerte in der Hand halten.“

Gertenpflege

Eine gute Gerte mit Nylonüberzug, was momentan das gängigste Außenmaterial ist, hat eine eng umsponnene Oberfläche, die im besten Fall auch lackiert ist. Dadurch riffelt sie nicht auf und bleibt lange in Form. Wichtig, damit die Spitze schön bleibt: Niemals in den Boden stechen mit dem Gertenende. Zudem die Gerte stehend auf dem Knauf aufbewahren.

Wie lang darf eine Gerte sein?

Dazu gibt es für Turnierreiter feste Regeln. Die aktuellen Vorschriften vom 1. Januar 2019 des LPO-Ausbildungskatalogs lauten: Springgerten dürfen höchstens 75 Zentimeter lang sein, Dressurgerten höchstens 120 Zentimeter. Gemessen wird immer die Gesamtlänge, also inklusive Knauf und Schlag. Der Schlag ist das flexible Bändchen oder die Lederschlaufe, die am schmalen Gertenende befestigt ist. Mit dem Knauf ist der Griff gemeint, der je nach Hersteller sehr unterschiedlich gestaltet sein kann. Springreiter dürfen übrigens eine bis zu 120-Zentimeter-Gerte auf dem Vorbereitungsplatz nutzen. In der Prüfung sind dann nur noch Springgerten bis 75 Zentimeter Länge erlaubt.

Welche Gerten für Einsteiger geeignet sind

Uwe Nitzling von der Firma Döbert rät dazu, Einsteigern kürzere Modelle als die 120-Zentimeter-Dressurgerten in die Hand zu geben. „Gertenkauf ist immer eine persönliche Sache, von der Länge her wie vom Knauf. Jedoch sollte darauf geachtet werden, dass Anfänger nicht unabsichtlich eine Hilfe geben.“ Das passiere eben häufiger mit den längeren Gerten.

Das schreibt die LPO vor

In der Leistungsprüfungsordnung ist klar geregelt, wer was wann nutzen darf: Vielseitigkeitsreiter dürfen in der Dressurprüfung keine Gerte nutzen, nur auf dem Vorbereitungsplatz. Hier gilt auch die maximale Länge von 120 Zentimetern, und zwar für Springen und Dressur für den Vorbereitungsplatz. Im Springen dürfen sie natürlich eine 75 Zentimeter Gerte in der Prüfung nutzen. In der Teilprüfung Gelände ist auch auf dem Vorbereitungsplatz nur die maximal 75 Zentimeter lange Gerte erlaubt.

Wo Gerten nicht erlaubt sind

Für WBO-Turniere gilt: Gerten dürfen in Führzügel-Wettbewerben und Longenreiter-Wettbewerben nicht genutzt werden. Für internationale FEI-Turniere gilt: Gerten sind in der Dressurprüfung nicht erlaubt. Außerhalb der Prüfung dürfen sie genutzt werden, auch hier gilt die 1,20 Meter-Regel. Für Ponyreiter gilt ein anderer Maßstab, sie dürfen außerhalb der Prüfung Gerten bis zu einer Länge von einem Meter nutzen. Zu Siegerehrungen dürfen Gerten mitgenommen werden, begründet wird dies mit „safety reasons“, also einer gesteigerten Sicherheit.

Wann brechen Gerten?

Tatsächlich sei „Brechen Ihre Gerten?“ eine der häufigsten Fragen der Messebesucher, sagt Uwe Nitzling von Döbert. „Wenn ein Pferd drauftritt, oder Kinder die Spitze häufig in den Boden stecken, dann kann das passieren“, sagt er. „Ausschließen kann man das Brechen nur, wenn man einen Metallkern nutzen würde.“

Eine wichtige Botschaft hat er für all seine Kunden: „Es ist nie das Pferd schuld!“

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