Streitfrage: Wie Du im Schulterherein sitzen sollst

Diese Woche ist Schulterherein unser großes Thema! Die Hilfengebung nach der klassischen FN-Reitlehre haben wir Dir schon Anfang der Woche vorgestellt. Aber: Es gibt da noch einen Knackpunkt!

Die korrekte Gewichtshilfe geben

Und zwar lautet der: Es sind sich nicht alle Reitlehren und – philosophien darüber einig, mit welcher Gewichtshilfe der Reiter in dieser Übung sitzen soll. Die FN sagt da etwas ganz anderes als zum Beispiel die Schule der Légèreté. Beide haben ihre Gründe für ihre Meinung. Zwei bekannte Vorbilder aus beiden Reitweisen sind für die klassische Reitausbildung Ingrid Klimke und für die Légèreté deren Begründer Philippe Karl.

So funktioniert es laut der Deutschen Reitlehre (FN)

Hier sitzt der Reiter in die Richtung, in die das Pferd gebogen ist. So zum Beispiel beim Schulterherein auf der linken Hand tendenziell nach links, denn dahin ist das Pferd gestellt und gebogen.

Ingrid Klimke sitzt in die Richtung, in die das Pferd gestellt und gebogen ist

Ingrid Klimke erklärt die Hilfengebung folgendermaßen: „Ich sitze beim Schulterherein auf dem inneren Gesäßknochen. Die innere Hand soll vorfühlen, innerer Schenkel und äußerer Zügel herrschen diagonal vor. Ich würde mich nicht nach außen setzen und vom Pferd erwarten, dass es dennoch mit dem inneren Hinterfuß unter den Schwerpunkt treten soll.“ Im Film kannst Du Dir das hier mit der Stute Soma Bay und Ingrid Klimke ansehen. Übrigens ist unser Bild oben mit Ingrid Klimke ein gutes Beispiel dafür, wie ein Schulterherein auf drei Hufschlägen von vorn aussehen soll. Du erkennst, dass rechtes Hinterbein und linkes Vorderbein genau auf gleichem Hufschlag gehen, so dass es von vorn gesehen drei Spuren bzw. Beine sind. Das Pferd ist nach innen gestellt und gebogen. Das Genick sollte noch einen Ticken höher sein, ansonsten ist das Bild ein ziemlich perfektes Beispiel für ein gutes Schulterherein!

So funktioniert es in der Schule der Légèreté nach Philippe Karl

In der Schule der Légèteté sitzt der Reiter in Bewegungsrichtung - und damit also nicht in Richtung der Innenstellung im Schulterherein (in diesem wehorse Film kannst Du es sehen, Philippe Karl erklärt zum Beispiel das Schulterherein auf einem verkleinerten Zirkel). So zum Beispiel beim Schulterherein auf der linken Hand tendenziell nach rechts, denn in diese Richtung bewegt sich das Pferd.

Philippe Karl erklärt das in seinem Buch „Irrwege der modernen Dressur“ folgendermaßen: „Da sich das Pferd im Schulterherein in Richtung seiner äußeren Seite bewegt, muss der Reiter nach außen sitzen, um mit dem Gleichgewicht des Pferdes im Einklang zu bleiben.“ Wenn Dich die Philosophie von Philippe Karl interessiert, dann schau Dir als Einstieg auf jeden Fall diesen Theorievortrag von Philippe Karl von ihm an - das ist der beste Einstieg, um die Reitweise zu verstehen! 

Alternative Drei: Gleichmäßiges Belasten der Sitzbeinhöcker

Was richtig ist, kommt in diesem Fall auf die Philosophie an – und auf die Praxis. Andere Ausbilder antworten auf die Gewichtshilfe im Schulterherein, dass es drauf ankommt - je nach Pferd und Situation. Der Reiter grundsätzlich seine Sitzbeinhöcker recht gleichmäßig belasten soll und dann einfühlen soll, wo das Pferd Unterstützung braucht.

Das sagt La Guérnière

Ein versöhnendes Zitat von Altmeister La Guérnière zum Schulterherein, dem wohl vermutlich alle Schulen zustimmen würden:

„Diese Übung hat sofort eine so vortreffliche Wirkung, dass ich sie als die erste und letzte aller Lektionen ansehe, in denen man ein Pferd unterrichten muss, um ihm Geschmeidigkeit und vollkommene Freiheit in allen seinen Körperteilen zu verschaffen.“

Und auch der Weg zum Schulterherein ist unterschiedlich!

Wenn Schulterherein für Dein Pferd und Dich noch in weiter Ferne sind, interessiert Dich vielleicht dennoch schon, wie ein erfahrener Ausbilder das dem Pferd überhaupt beibringt. Auch hier gibt es wieder Unterschiede der Schulen, aber auch Gemeinsamkeiten! In der Légèreté werden die Seitengänge erst an der Hand vorbereitet und dann im Sattel abgerufen. Die vorbereitenden Übungen an der Hand kannst Du in diesem wehorse-Film erlernen.

Gemeinsamkeiten der Philosophien

Dafür nimmt zum Beispiel Bea Borelle, auch Ausbilderin in dieser Reitweise, gern eine Volte zur Hilfe und lässt das so schon gebogene und gestellte Pferd dann auf dem Hufschlag nach dem Beenden der Volte zwei, drei Schritte im Schulterherein gehen.

Manche klassischen Reitausbilder nach FN nutzen auch die Arbeit an der Hand. Ingrid Klimke jedoch lehrt das Schulterherein zum Beispiel stets aus dem Sattel. Sie nutzt die Übungsabfolge mit der Volte ähnlich: „Ich reite eine Volte und tue dann so, als ob ich eine zweite Volte anhängen wollte, führe die Vorhand etwas in die Bahn. Doch dann kommt mein innerer Schenkel und treibt in die äußere Hand vorwärts-seitwärts.“ So entsteht auch ein erstes Schulterherein. Bevor Ingrid Klimke dies übt, bereitet sie die Übungsabfolge vor: „Die Pferde kennen Übertreten im Schritt und Trab an der offenen Zirkelseite, daraus entwickelt sich das Schulterherein.“ Sie übt das gern an der offenen Zirkelseite, um ein Kleben an der Bande zu verhindern.

Anja Beran nutzt beispielsweise auch die Arbeit an der Hand, um die Pferde auf die Seitengänge vorzubereiten und sie hier heranzuführen. In diesem Film kannst Du erste Handarbeit mit einem Jungpferd verfolgen und Dir ein Bild davon machen, wie so eine Jungpferdearbeit an der Hand aussehen kann.

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