Gangpferde dressurmäßig ausbilden: Was anders ist

Mehrere Islandpferde auf Island freilaufend

Was ist an der Dressurausbildung eines Gangpferdes anders im Vergleich zu einem Pferd mit nur drei Gängen? Das haben wir drei Dressurausbilderinnen gefragt. Bea Borelle ist als Stellvertreterin der Schule der Légéreté dabei, Kathrin Roida schildert ihre Erfahrungen als Vertreterin der klassischen Reitkunst und Dr. Britta Schöffmann ist als klassische Dressurausbilderin nach FN dabei. Sehr spannend, was diese drei über ihre Berittpferde und Schülerpferde zu erzählen haben!

Was ist an der Dressurausbildung eines Gangpferdes anders im Vergleich zu einem Pferd mit nur drei Gängen? Das haben wir drei Dressurausbilderinnen gefragt. Bea Borelle ist als Stellvertreterin der Schule der Légéreté dabei, Kathrin Roida schildert ihre Erfahrungen als Vertreterin der klassischen Reitkunst und Dr. Britta Schöffmann ist als klassische Dressurausbilderin nach FN dabei. Sehr spannend, was diese drei über ihre Berittpferde und Schülerpferde zu erzählen haben!

Bea Borelle, Ausbilderin in der Schule der Légèreté:

„Ich habe in jedem meiner Kurse Islandpferde! Zwar hatte ich noch keinen Isländer dabei, der bis zur Piaffe gekommen ist, aber durchaus sehr gute. Der Unterschied in der dressurmäßigen Ausbildung zum Dreigänger liegt darin, dass es länger dauert, die Halsbiegung und somit die Dehnungsbereitschaft zu erarbeiten, ebenso die klare Trennung der Gänge.Früher habe ich Kursteilnehmer mit Isländer mit den Worten: „Guten Tag und herzlich willkommen, ich habe ein limitiertes Wissen mit Gangpferden, ich hoffe, das reicht“ begrüßt. Die Pferde haben sich im Kurs dennoch so verbessert, dass Leute gern wieder gekommen sind. Inzwischen habe ich langjährige, gute Schüler mit Islandpferden dabei. Weil der Ausbildungsweg beim Gangpferd langwieriger ist, wird es für die Dreigänger-Reiter jedoch manchmal zäh, ihren Kollegen mit Isländer im Kurs zuzuschauen. Das Erarbeiten von Halsbiegen und – dehnen dauert mit einem Dreigänger vielleicht einen Kurs lang, bei einem Isländer kann es auch schon mal drei Kurse lang dauern. Interessant wird es für die Großpferdereiter erst wieder, wenn sie sehen, dass der Isländer sauber im Galopp Travers geht. Dann schauen die wieder hin! Das größte Problem in der dressurmäßigen Ausbildung des Isländers ist: Verspannt er sich, wird er hirschhalsig und wirft die Gänge durcheinander. Da braucht man Geduld. Bei manchen Isländern ist es erst mal schwierig, überhaupt einen sauberen Trab zu entwickeln. Der Isländer einer Schweizer Schülerin von mir ging vor allem so genannten Schweinepass, er zeigte also weder Tölt noch guten Trab, sondern eine Mischform. Das haben wir in einem Kurs über die Biegsamkeit zur Dehnung hinbekommen. Ich habe generell gute Erfahrungen damit gemacht, Isländer über die Halsbiegung zu verbessern."

Ausbilderin Bea Borelle

Bea Borelle über die Übung Aktion-Reaktion der Schule der Légèreté:

„Besonders hilfreich ist dabei für die Islandpferde das Üben von Aktion-Reaktion. Das ist in der Schule der Légèreté das Abrufen der Dehnungsbereitschaft auf ein Signal im Maul hin. Gerade der Isländer, der macht es mir so klar wie wichtig dieses Element Aktion-Reaktion ist! Ich kann das Pferd damit an die Hand stellen, ohne es eng zu machen. Es verbessert sich sofort und ich bekomme es schlagartig aus der Verspannung und Hirschhalsigkeit heraus. Es entspannt sich psychisch wie körperlich. Auch vom Schulterherein profitieren Isländer sehr – das verhilft maßgeblich zur Tragefähigkeit. Übrigens ist der Schritt bei fast allen Isländern, die ich gesehen habe, hervorragend! Ich selbst werde nie ein Islandpferde-Besitzer werden. Dennoch sind das geniale Pferde vom Charakter her! Sie sind zauberhaft sensibel und fein und so tolle Pferde vom Charakter, deshalb habe ich sie unheimlich gern im Unterricht!"

Übrigens: In diesem wehorse-Film von Bea Borelles Mann Philippe Karl kannst Du sehen, wie in der Schule der Légèreté Aktion-Reaktion genutzt wird, auch Biegung ist zu sehen. Nach Minute 15 siehst Du, wie diese Reittechnik beim Herausheben hilft, damit das Pferd sich wieder dehnt. 

Weshalb Bea Borelles Mann Philippe Karl keinen Draht zu Isländern findet:

„Für meinen Mann Philippe Karl ist das jedoch gar nichts: Ich habe ihn mal auf einen Ausritt auf einem Islandpferdehof mitgenommen, aber das reizt ihn nicht, zu tölten. Ich fand’s hingegen total witzig! Im Grunde hat mein Mann zu wenig Gangpferdeerfahrung, um zu sehen, wie man die entspannt und sauber in getrennten Gängen arbeiten kann. Er geht davon aus, dass ein Dreigänger, der unsaubere Gänge zeigt, das aus einer Verspannung heraus tut, und sieht das daher auch beim Isländer so. Er hat noch nicht erfahren, dass man Tölt entspannt reiten kann. Absolut möglich ist das und notwendig! Das können durchaus ganz seriöse Gänge sein! Außerdem findet er, daß das Reiten eines Dreigängers schon schwierig genug ist, also ist es überflüssig, sich das Leben und Lernen mit einem Vier- oder Fünfgänger zu erschweren. Auch ist die Optik, großer Mensch auf kleinem Pferd für den Großpferde gewöhnten Menschen, für ihn wie für viele andere Großpferdereiter seltsam. Doch die können unheimlich Gewicht tragen, die Isländer! Genau dabei ist der Tölt auch enorm von Vorteil. Verstehen kann ich meine Schüler, die Isländer reiten: In der Ausbildung sind sie zwar schwieriger als Dreigänger und ja, alles dauert länger. Aber dafür knatterst du mit robusten, urwüchsigen, zauberhaften Wesen im Tölt oder Pass durchs Gelände. Was für eine geniale Mischung! Das ist ja auch ein Riesenspaß!“

Bea Borelle arbeitet sehr vielseitig - sie ist Lehrerin in der Schule der Légèreté aber auch Ausbilderin Level III nach Linda Tellington-Jones und longiert ihre Pferde nach einem besonderen, gymnastikzierenden System. Außerdem gibt es von ihr auf wehorse auch eine Zirkuslektionen-Serie. Ihr Mann Philippe Karl ist der Begründer der Schule der Légèreté und ist mit sehr vielen Lehrvideos auf wehorse vertreten. 

Ausbilderin Kathrin Roida und Pferd

Kathrin Roida, Ausbilderin in der klassischen Reitkunst:

„Hochinteressant finde ich an Gangpferden, wie Du mit der Gewichtshilfe die Pferde in die entsprechende Grundgangart schubsen kannst. Letztens hatte ich nochmal einen Isländer als Berittpferd bei mir. Das Ziel war, dass er generell rittiger und ausbalancierter werden sollte. Mehr Leichtigkeit wünschte sich die Besitzerin, damit er sich vorn nicht mehr so aufs Gebiss schmeißt. Es ging also um Grundlagenarbeit. Toll an diesem Islandpferd war, dass er ganz klar getrennte Gänge hatte. Die Übergänge waren sehr gut. Nur wenn man ihn mehr auf die Hinterhand setzen wollte, entwich er in den Tölt und entzog sich so der Lastaufnahme. Entsprechend fein musste ich die Anfrage stellen. War ich eine Idee zu angespannt, war er sofort im Tölt. Das Tempo im Trab war generell höher, als ich mir das gewünscht hätte. Dadurch waren die Seitengänge weniger gut in Ruhe zu reiten. Im Schritt ließen sich die Seitengänge wunderbar reiten! Für den Trab musste ich mir etwas ausdenken: Zunächst den Trab sicher haben und dann ins Schultervor oder Konterschulterherein gehen. Mehr, steiler abstellen wäre schwierig geworden. Ich habe mich da mit wenig herangetastet, um die Reinheit der Grundgangarten nicht zu gefährden. Der enorme Schub der Isländer macht die Sache nicht einfacher, wenn Du in Richtung Versammlung arbeiten möchtest. Ich möchte das Gefühl vom Rücken des Pferdes her haben, dass das Pferd mich weich sitzen lässt und dass es ihm angenehm ist, mich zu tragen. Auch deshalb ist eine korrekte Kopf-Halsposition ebenso wichtig, die dem Rücken das Schwingen ermöglicht.“

Kathrin Roida zeigt Dir auf wehorse, wie die Arbeit an der Hand aufgebaut werden kann - hier ist beispielsweise die Vorbereitung zur Arbeit an der Hand zu sehen. 

Britta Schöffmann neben Pferd

Dr. Britta Schöffmann, klassische Dressurausbilderin: 

„Ich würde mich nicht als Gangpferdespezialist bezeichnen, aber ich habe ab und an Gangpferde im Unterricht. Ein halbes Jahr lang kam eine Islandpferdereiterin regelmäßig zu mir. Ihr Wunsch war es, dass ihr Isländer schöner über den Rücken geht. Das war ein recht gut gerittener Isländer, der hatte sogar eine ordentliche Galoppade und konnte zum Beispiel auch schon das Schulterherein im Trab zeigen. Es fiel ihm jedoch in allen Gangarten schwerer, als anderen Pferden, den Hals fallen zu lassen. Unser Ziel war also, gymnastische Übungsabfolgen zu nutzen, damit er höher in der Schulter kommt und gleichzeitig die Dehnungsbereitschaft gefördert wird. In der Art der Übungen sind die Unterschiede zum Dreigänger dann nicht so groß: Wir haben mit ihm viel Biegearbeit gemacht, viele Übergänge. Vorsichtig musste sie nur bei der Hilfengebung sein: War die Hilfe nicht ganz präzise, ist er in eine nicht gewünschte Gangart gewechselt. Als Gangpferdereiter muss man noch genauer reiten, noch genauer in der Einwirkung sein und ganz differenzierte Hilfen geben. Sage ich dem Reiter: „Treib ihn in die Hand“, dann kann das für das Gangpferd der Schalter in den Tölt sein. Schnell verschiebt sich der Takt, was wir in dem Moment natürlich nicht wollen. Da muss man sich dann etwas einfallen lassen und zum Beispiel in der Volte oder im Schulterherein das Treiben in die Hand hinein üben. Dann passiert ein Gangsalat weniger schnell. Dieser Isländer brauchte auch etwas Hilfestellung, um den Schritt im klaren Viertakt zu halten. Dafür nutzen wir das Viereck verkleinern und vergrößern sowie kleine Volten, beides Lektionen, die auch der Taktsicherung dienen. Wir haben es in diesem halben Jahr geschafft, ihn besser über den Rücken zu bekommen. Eine kleine E- oder kleine A-Dressur hätte sie durchaus reiten können. Durch die verbesserte Anlehnung und Rückentätigkeit, als er es schaffte, die Schulter anzuheben und den Hals fallen zu lassen, wurde auch sein Galopp schöner und runder. Die Reiterin ist dann Mutter geworden, daher haben wir aufgehört. Hätte der kleine Isi an diesem Punkt seiner Entwicklung weiterhin dressurmäßiges Training bekommen können, wäre sicher noch viel möglich gewesen!“

Welch unterschiedliche Pferde Dr. Britta Schöffmanns Reitschüler unterm Sattel haben, ist immer wieder überraschend und lehrreich! Kennst Du schon Tinker Harry? Er ist ein Vorzeige-Schüler! 

Portait eines Islandpferdes