Neid im Reitstall

Ein Gastbeitrag vom Blog www.alifewithhorses.de

Es gibt einen elenden Gefährten im Reitsport, der hinter vielen Ecken wartet. Und leider auch besonders gern bei Erfolgen gleich gratulieren kommt. Der Neid.

Er hat viele Gesichter, sportliche zum Beispiel:

  • der Neid auf den besseren Reiter
  • der Neid auf die Schleife
  • der Neid auf eine gelungene Einheit
  • der Neid auf das Trainerlob
  • darauf, dass der andere vorankommt (aber man selbst gerade nicht) 

Es gibt noch viel unterschwellige Arten davon, zum Beispiel in der Fraktion der Reiter, denen es vor allem um Freundschaft mit dem Pferd geht:

  • der Neid auf Innigkeit
  • der Neid auf Bindung
  • der Neid auf ein Pferd, das weiter ist in der Ausbildung
  • den Neid auf schöne Momente

Und natürlich die simpelste Form des Neides, den auf Sachen:

  • den Neid auf den neuen Sattel
  • den Neid auf den Anhänger
  • den Neid auf die neue Hose

Nicht zu vergessen, der neumodische Neid:

  • Neid auf Follower
  • Neid auf Kooperationen
  • Neid auf Likes

Ätzend. Ätzend, diesen Neid zu spüren, zu bemerken, dass andere neidisch sind. Und ebenso ätzend, sich selbst dabei zu ertappen, neidisch zu sein. Wir sind ja alle Menschen und daher kennt jeder von uns auch dieses doofe Gefühl. Aber wie wird man den Neid los?

Wenn Du selbst den Neid fühlst

Der erste Schritt ist zu gucken, was einen selbst so sehr triggert, dass so ein negatives Gefühl Platz einnehmen kann. Frag den doofen Zeitgenossen: "Hey, warum gefällt es Dir bei mir?" Also was ist das für eine Unzufriedenheit in Dir, die sich da meldet? Was dagegen hilft, steht noch weiter unten im Text. Erst mal zu den anderen, den Neidern um Dich herum.

Schwächeren Mut zusprechen kann jeder

Großzügig und gönnend sein fällt jedem leicht, der sich selbst als besser wahrnimmt. Also: Dem Reiter mit dem sauschwierigen Pferd sagt jeder gern mal „Oh, heute war’s aber gut“, wenn das dann mal endlich so war. Dem Anfänger, der sich langsam besser anstellt, gratuliert ebenso jeder noch mit vollem Herzen. Aber wehe, jemand der als „keine Konkurrenz“ galt, wird besser und besser oder sogar so richtig gut! Da spielen sich auf Deutschlands Stallgassen die gemeinsten Dinge ab.

Wenn der Erfolg im Sattel da ist

Ist der Erfolg endlich da, ändert sich das Klima vielerorts. Der Neid kommt, alle kennen die Redewendung „Neid muss man sich verdienen“. Nur fühlt sich das ganz schön doof an. Natürlich gibt es diejenigen, die immer ehrlich mitfieberten und weiterhin unterstützen, Mut machen, sich ehrlich mitfreuen. Aber es gibt auch die anderen. Die Neider, denen eine Gratulation nur noch mit verkniffenem Mund über die Lippen kommt. Wenn überhaupt.

Wir können immer nur unsere eigene Einstellung verändern. Du kannst keinen Neider zum Nichtneider machen. Du kannst Dir nur sagen: Geht mich nichts an, hat nichts mit mir persönlich zu tun. None of my business. Sag’s Dir immer wieder. Irgendwann ist Dein Fell dicker geworden und der Neid der anderen tut Dir weniger weh.

Das Umfeld bewusst wählen

Nur was, wenn man das nicht zu 100 Prozent kann, diese mir-doch-egal-Haltung zu leben? Wir Pferdemenschen nehmen viel auf uns, um bei den Pferden zu sein. Das beginnt schon ganz früh mit den kleinsten Reitern.

Warum wir Reiter schlechte Ställe in Kauf nehmen

Es gibt hunderte Geschichten von Pferdemädchen auf furchtbaren Höfen, wo die Reiterkinder doch bleiben, egal wie mies die Umstände dort sind. Einfach, um bei den Pferden zu sein. So ähnlich ist das auch bei uns Erwachsenen: Wir bleiben in reiterlichen Umfeldern, die uns selbst nicht gut tun. Weil der richtige Trainer da ist, weil die Anfahrt so nah ist, weil die Haltung so gut ist oder was auch immer – wir finden viele Gründe, die uns an Orten halten. Aber vielleicht sind diese Orte gar nicht so gut für uns. Wie viel Last abfällt, wenn man den Stall wechselt, wird meistens erst hinterher klar.

Das Ding mit dem Vergleichen im Sattel

Hinter jedem Neid steckt der Vergleich. Und zwar kein objektiver, sondern ein zutiefst subjektiver. Unfaires Vergleichen macht unseren Anspruch an uns selbst unrealistisch, lässt uns Ziele verfehlen und macht unzufrieden. Ein Beispiel aus einem Interview, das ich mit Mentaltrainerin Antje Heimsoth mal führte. Sie erzählte von einer Klientin, die sich mit Profi-Reitern verglich, genau dahin wollte, aber die unterschiedlichen Gegebenheiten nicht in ihren Vergleich mit einbezog: Ein Pferd versus ein Stall voller Pferde, zwei Stunden im Sattel täglich versus sechs Stunden im Sattel täglich. Ein Vergleich beider Situationen lässt sehr einfach den Schluss zu, dass das Ergebnis nicht gleich sein kann. Wenn man sich das bewusst macht, tut das vielleicht erst mal weh, hilft aber dann beim anvisieren und umsetzen von realistischen Zielen. Oder lässt uns unser Leben umschmeissen, auch das ist möglich! Aber dann hat sich auch der Einsatz verändert, und damit werden andere Ziele wiederum möglicher.

Yoga-Gedanken für die Stallgasse

In Yogaklassen habe ich schon häufig gehört: Schaut nicht nach rechts und links, es ist egal, was Dein Nachbar kann. Es geht nur darum, die Übung selbst bestmöglich auszuführen und zu fühlen. Von dieser Einstellung bräuchten wir mehr im Reitsport. Von dem bei sich selbst bleiben und schauen, was bei einem selbst geht. Das ist natürlich in einem Sport, zu dem ein Turniersystem gehört, schwieriger als in einem Sport, der zu einer Philosophie gehört. Aber sich von dieser Haltung eine Scheibe abzuschneiden, würde der Atmosphäre in sehr, sehr vielen Reitställen echt gut tun.

Wer das üben will: In diesem Blogartikel auf www.alifewithhorses.de habe ich darüber geschrieben, wie Du übst, mehr wahrzunehmen beim Pferd, ohne gleich zu werten. 

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