Ruhige Pferde an Silvester: Clickertraining gegen Geräusche

Ein Gastbeitrag vom Blog www.alifewithhorses.de

Nina Steigerwald ist Clicker-Expertin, arbeitet also mit positiver Verstärkung. Für Silvester übt sie mit Pferden, dass diese nicht nur Geräusche ertragen, sondern Geräusche selbst auslösen und aktiv auf diese zu gehen. Sie bringt ihnen bei, Luftpolsterfolie zu zertreten. Wenn es knallt, wird belohnt. Schon nach kurzer Zeit treten die Pferde begeistert so lange auf Luftpolsterfolie herum, bis diese durch das Zerplatzen ordentlich Krach macht.

Geräusche selbst auslösen statt nur tolerieren

Diese Übung hilft gegen Geräuschempflindlichkeit, erklärt Nina Steigerwald: „Das Pferd hat in dieser Situation die Kontrolle über Geräusche. Es ist nicht einer Situation ausgeliefert, sondern kann sie selbst bestimmen. Es bekommt dabei sogar noch etwas zu Essen! Deshalb speichert es die Situation als besonders positiv ab!“

Fluchttiere und Silvester

Das Fluchttier Pferd möchte naturgemäß ausweichen und fliehen. Stattdessen auf Geräusche zuzugehen, aktiv, das muss es lernen. Nina Steigerwald hat gefilmt, wie das Ergebnis des Trainings aussehen soll. Wie man das erreicht, erklärt sie im Folgenden. 

Was Du brauchst:

2 Menschen

1 großes Stück Luftpolsterfolie

1 Stück Plane

1 Clicker

1 Belohnungstasche

Grundlage für das Clickertraining

Vor dem Übungsbeginn soll das Pferd die wichtigste Übung, das höfliche Fressen, gelernt haben. Diese wird hier im wehorse-Film ganz genau erklärt, dieser Blogartikel hilft auch weiter. Ist das eingeübt, kannst Du anfangen.

Zunächst steht ein Mensch als Führperson beim Pferd, ein weiterer Mensch nimmt sich die Luftpolsterfolie und stellt sich in Entfernung auf. Wie weit entfernt, das kommt auf die Geräuschempfindlichkeit des Pferdes an. Je nach Pferd wählt man den Abstand, meist vier bis fünf Meter.

Anfangs zu zweit üben

Jetzt lässt der Mensch, der die Luftpolsterfolie in der Hand hat, ein Knallgeräusch entstehen, indem er einen Teil der Folie zerdrückt. Der Mensch beim Pferd klickt nach jedem Geräusch und füttert. Das wird wiederholt. Wie lange, „das kommt darauf an, wie mein Pferd reagiert“, sagt Nina Steigerwald. „Ich wiederhole die Übung mit dem gleichen Abstand zum Knallen, bis das Pferd freudig die Ohren spitzt. Wenn es nach pöff-Geräusch sagt: 'Wo bleibt mein Essen?', dann weiß man, dass die Verknüpfung pöff = Essen stattgefunden hat.“ Mit diesem Resultat kann der Abstand zwischen Folie und Pferd verringert werden. Dafür geht der Führende mit dem Pferd in Richtung Folie. Schritte des Pferdes werden nicht geklickt, ebenso wenig wie Stillstehen oder Höflichkeit. „Ich kümmere mich immer nur um ein Kriterium!“, sagt Nina Steigerwald. Das verhindert Verwechselungen, es macht das Training eindeutiger für das Pferd. „Dadurch dass es nur für das Pöff-Geräusch Futter gibt, mache ich das Pöff-Geräusch attraktiver!“

Das Pferd soll Krach machen

Irgendwann kommen der führende Mensch und das Pferd mit dieser Strategie bis zu dem Menschen, der die Plane zerdrückt. Sie stehen direkt voreinander. Jetzt wird gewechselt: Die Luftpolsterfolie wird auf den Boden gelegt. Die Plane wird auf die Folie gelegt, damit die Luftpolsterfolie nicht wegweht. Der führende Mensch zertritt nun selbst die Folie. „Es ist leichter für das Pferd, wenn der Mensch vorangeht.“ Nina Steigerwald lädt das Pferd körpersprachlich ein, mit auf die Plane zu treten: „Ich wende mich frontal zum Pferd, so dass ich und das Essen direkt vor der Pferdenase sind und gehe dann rückwärts. So erhöhe ich die Möglichkeit, dass das Pferd mir folgen wird. Jeder Huf, der trifft, wird geklickt und gefüttert.“ Du musst nicht befürchten, dass sich Dein Pferd erschreckt, wenn es erstmals auf die Folie tritt: „Wenn ich das Training so aufgebaut habe, gibt es kein Zurückzucken“, sagt Nina Steigerwald.

Silvester-Knallgeräusche sind gut!

Beim Pferd verankert sich nämlich schnell: 'Jeder Knall ist gut! Denn jeder Knall bedeutet Essen.' Tritt das Pferd auf die Plane, wird anfangs bei jedem hörbaren Knall eine besonders große Portion gefüttert. Irgendwann klickert und füttert Nina Steigerwald nur noch, wenn es wirklich knallt. Tritte des Pferdes auf der Plane, die kein Knallen auslösen, werden ignoriert. „So lernt das Pferd aktiv, die Knallzonen zu suchen“.  Nina Steigerwald ist sich sicher, dass dieses Training auch auf andere Situationen mit lauten Geräuschen abfärbt.

Geräusche von hinten akzeptieren lernen

„Bei einem Pferd, das Angst vor Knallerei an Silvester hat, würde ich auch das Von-Hinten-Knallen üben“, erklärt sie. „Geräusche von hinten sind nämlich die bedrohlichsten für Pferde.“ Hierbei arbeitet man wieder zu zweit. Ein führender Mensch belohnt das Pferd, wenn es die Knallerei von dem Menschen, der hinter dem Pferd mit der Luftpolsterfolie in der Hand steht, aushält. Stets nach dem Clickertrainings-Prinzip: Erst Klick, dann Futter. Belohnt wird, wenn das Pferd dem Impuls widersteht, nach vorn wegzugehen. Klick und Futter bleiben aus, wenn das Pferd sich wegbewegt. „Aus Pferdesicht ist es schlau und logisch, wegzugehen, wenn es knallt“, sagt Nina Steigerwald.

Gegen den Fluchtinstinkt arbeiten

„Pferde mit gutem Fluchtinstinkt sind diejenigen, die evolutionsbiologisch überlebt haben. Wir arbeiten in der zivilisierten Welt gegen die Natur, schaffen neue Erfahrungshorizonte.“ Dadurch, dass stehenbleiben Futter bringt, verändern wir die Erfahrungswelt des Pferdes. „Die Pferde werden mit dieser Erfahrung anders handeln und sich anders fühlen.“ Je häufiger das Pferd auf Geräusche und ruhig bleiben trainiert wurde, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass es auch bei Extremsituationen wie Silvester gelassen bleibt.

Silvester-Erfahrungen von drei weiteren Ausbilderinnen

Auf meinem Blog www.alifewithhorses.de habe ich Dir noch aufgeschrieben, welche Silvester-Erfahrungen die Ausbilderinnen Sibylle Wiemer, Britta Schöffmann und Hannah Engler bisher mit ihren Pferden gemacht haben. Ich selbst werde dieses Jahr etwas Neues ausprobieren und lade drei Leserinnen und Leser ein, mitzumachen. Wie das geht, steht drüben!