Was Du beachten solltest, wenn Du mit dem Trainerschein liebäugelst

Ein Gastbeitrag vom Blog www.alifewithhorses.de

„Ich möchte das genau jetzt machen! Ich will das endlich lernen und unterrichten!“ sagte mir eine junge Stallkollegin letztens. Es ging um den Trainerschein. Vorher unterhielten wir uns über die unruhigen Hände einer kleinen Reitschülerin und wo die Ursache dafür zu finden sei. Es frustrierte meine Stallkollegin, zu wissen, dass die Unruhe eben nicht aus den Händen kommt, aber auch nicht zu wissen, woher denn sonst. Wo sie korrigieren soll. „Deshalb will ich endlich den Trainierschein machen, damit ich das alles lerne!“, sagte sie.

„Mhhh“, warf ich ein, „ich glaube, das musst Du vorher lernen.“ „Wie denn?“ und „Wo denn?“ sagte sie, aber keine Antwort meinerseits klang für sie da so richtig wie eben dieser gewünschte Trainerschein-Lehrgang.

Was braucht man, um ein guter Trainer zu werden?

Da war ganz viel Enthusiasmus bei ihr. Ganz viel Begeisterung. Hingabe. All das braucht man zum Unterrichten. Aber da war auch ein Fehlschluss: Dass man nämlich all die technischen Fähigkeiten zum guten Unterrichten in einem Trainerlehrgang lernt.

Mein „Lass Dir Zeit!“ war nichts, was meine Stallkollegin hören wollte. Das klingt ja auch etwas wie Ausbremsen. Wie nicht dran glauben. Das Gegenteil ist der Fall. Wer vor dem Trainerschein Lücken bei sich selbst fühlt, dem wird das auch danach so gehen. Der Schein ist einfach nicht das richtige Werkzeug, um seinen Utensilienkasten als Reitlehrer zu bestücken. Es ist ein Zertifikat mit Intensiv-Workshop. Aber kein Ersatz für Lehrjahre.

Der Trainerschein im Reitsport

Der Trainerschein besteht aus vielen Teilprüfungen, die ihr Hauptaugenmerk auf Fachvokabular und Regelkonformität haben. Er befähigt dazu, Unterrichtseinheiten genauer zu planen und es gibt den ein oder anderen Praxis-Tipp (wo man zum Beispiel in der Bahn stehen sollte, um möglichst innere und äußere Hilfen und Einwirkungen sehen zu können). Man unterrichtet sich gegenseitig und ja, lernt dabei auch etwas über das Unterrichten. Aber ein paar Wochen Intensivtraining machen keinen guten Trainer aus einem.

Sehen können & Vermitteln können als Reitlehrer

Denn was macht einen guten Reitlehrer aus? An erster Stelle steht das Sehen können, dann das Zusammenhänge erkennen und analysieren können und schließlich das Vermitteln können – das muss man vorher lernen, das ist einfach zu komplex für ein paar Wochen Intensivlehrgang.

Zuschauen am Viereck, lernen, sich Dinge abgucken

Ich musste über dieses Gespräch noch lange nachdenken und habe mit einer Freundin, die eine erfahrene Tanzpädagogin ist, darüber gesprochen. Sie kennt genau dieses Muster ebenso von um-die-20-jährigen im Tanz. Die erste Erfahrungen im unterrichten haben und bei denen es dann alles ganz schnell gehen soll in Richtung Trainer werden. „Ich sage denen ganz klar: Du wirst kein guter Trainer, wenn Du das jetzt schon machst. Hospitiere zwei Jahre lang bei unterschiedlichen Kollegen. Nur so hast Du die Chance, ein guter Trainer zu werden.“ 

Wer auf der Strecke bleibt

Fünf bis zehn Prozent nehmen den Rat an, sagt sie. Die anderen bleiben auf der Strecke. Klar sind die meisten um die 20-jährigen erst mal höllisch frustriert, wenn man ihnen das so sagt. Dabei ist es so einfach: Es geht nicht (nur) um Talent. Es geht darum, wie viele Stunden Erfahrung Du auf dem Zettel hast. Wie viele unterschiedlichen Unterrichts-Situationen, Lösungen und Wege Du gesehen hast.

Die gute Nachricht ist: Es ist ja nix Schlimmes dabei, zunächst oder wieder mal zu lernen! Im Gegenteil, das ist sogar ziemlich großartig! Das bedeutet einfach, nach Lehrmeistern zu suchen, viel zu hospitieren, genau zuzuhören, sich vieles abzugucken, anzueignen und auch schon so viel Praxiserfahrung im eigenen Unterrichten zu sammeln wie nur möglich.

Reitausbildung verstehen - das dauert!

Das passt übrigens sehr gut zu einem Interview, dass ich in dieser Woche mit Springreiter Lars Nieberg geführt habe. Der sagte nämlich auch, dass den meisten jungen Reitern die Muße fehlen würde, mehr wissen zu wollen. Dass früher Erfolg dazu verleitet, sich zu überschätzen. Dass nix wegläuft, in einem Reiterleben (denn wir können noch lange reiten!), aber die meisten erst die Zusammenhänge der Pferdeausbildung so frühestens ab Mitte 20 erfassen würden.

Die Krux am Lernen von anderen Ausbildern ist nur: Man muss eine Idee haben, wo man das alles lernen kann. Die meisten, die nach einem Weg suchen, Trainer zu werden, wissen noch nicht wirklich, wie man die Spreu vom Weizen trennt. Das ist ja vielleicht auch eins der schwierigsten Dinge.

Meine neue Ausbildung im Team Pony Concept

Ich habe mich übrigens auch für eine neue Fortbildung entschieden: Kolly Holland-Nells Team Pony Concept erlerne ich gerade von der Pike auf. Weil es mich überzeugt hat, wie man dadurch kleinen Kindern den Weg zum Pferdemensch werden zeigen kann. Dabei geht es nicht ums Reiten. Das Programm setzt bei Dreijährigen an, da geht es um Gruppenspiele und erste Erfahrungen mit Ponys überhaupt. Doch mit Konzept, von Haltung, Fütterung bis zum Sozialverhalten lernen die Kinder hier viel nebenbei. Schüler, die durch diese Schule gegangen sind, wissen danach, wie man Ponys führt, sie hält, wie sie reagieren, wie ihr Wesen und ihre Natur so ist. Und genau diese Qualitäten vermissen so viele Reitschulen bei ihren Kindern. Wie ich die erste Ausbildungseinheit erlebt habe, steht drüben im Blog!