#wehorsewednesday | Anlehnung

wehorsewednesday Anlehnung

Es gibt kaum eine wichtigere Grundlage beim Reiten als eine korrekte Anlehnung. Nicht umsonst bildet sie zusammen mit Takt und Losgelassenheit die drei ersten Punkte der Ausbildungsskala. Man denke jetzt aber nicht, dass die Anlehnung nur für Dressurreiter auschlaggebend ist, dass sie eine starre Lektion sei, die „halt notwendig ist“, um sie auf dem Turnier abzurufen oder dass sie sich allein auf die Verbindung von Reiterhand und Pferdemaul bezieht – hinter einer korrekten Anlehnung steckt weit mehr und dem sollte sich jeder Reiter bewusst sein, egal in welcher Disziplin oder mit welchem Pferd er reitet. Dieser Beitrag erklärt, warum.

 

Was bedeutet „Anlehnung“ wirklich?

Der bekannte und geschätzte Reitmeister Major a.D. Paul Stecken war der Meinung, dass jeder Reiter die klassischen Grundsätze der Reiterei, wie sie schon in der H.Dv.12 niedergeschrieben stehen in- und auswendig kennen sollte. Schaut man dort nach, wird zum Thema Anlehnung zu aller erst darauf hingewiesen, dass die Hilfen, denen das Pferd als erstes lernen muss, zu folgen, die vortreibenden sind, durch die Schubkraft aus der Hinterhand entsteht. Dadurch tritt das Pferd an den Zügel heran und „es kommt zu einer bestimmten Verbindung zwischen Reiterhand und Pferdemaul, die man Anlehnung nennt.“ (H.Dv.12, Seite 115f.)

Es wird auch im Folgenden darauf hingewiesen, dass die Schubkraft aus der Hinterhand eine unabdingbare Voraussetzung für eine korrekte Anlehnung darstellt. Eine Verbindung von Pferdemaul und Reiterhand, die durch eine rückwirkende Reiterhand entsteht, ohne dass das Pferd mit den Hinterbeinen unter den Schwerpunkt tritt und den genannten Zug zur Hand entwickelt, ist nicht reell und dient nicht der pferdegerechten Ausbildung.

Merke: Bei der Anlehnung handelt es sich also vielmehr um eine Verbindung von der Hinterhand des Pferdes über seinen Rücken und dem Zügel zum Pferdemaul.

In diesem Video zeigt dir Dressurlegende Dr. Reiner Klimke, was mit dem Pferd passiert, wenn du es durch eine falsche Handeinwirkung zur Beizäumung zwingst oder seinen Kopf "herunterriegelst". Ein sehr sehenswertes Video, das im Anschluss natürlich auch zeigt, wie eine korrekt errittene Anlehnung aussieht:

Dressur im Detail Teil 1: Lösende Arbeit & Entwicklung der Anlehnung

(Das vollständige Video kannst du dir nur anschauen, wenn du bei wehorse angemeldet bist.)

In diesem Video mit wehorse-Trainer David de Wispelaere siehst du ein gutes Besipiel dafür, was "von hinten nach vorne reiten" wirklich bedeutet und dass die richtige Anlehnung mit Leichtigkeit und Selbsthaltung nur bei einer vermehrten Lastaufnahme der Hinterhand und einem durch den Körper schwingenden Pferd erreicht werden kann.
Hier geht es direkt zum Video. (Das vollständige Video siehst du nur, wenn du bei wehorse angemeldet bist.)

Im Video "Anlehnung Folge 1: Zu leicht und manchmal etwas eng - was tun?" mit Dressurstar Uta Gräf bekommst du großartige Inspirationen und Anleitungen für das Entwickeln des Zuges zur Hand und damit einer korrekten Anlehnung. Uta zeigt dir deutlich, wie ein falscher Knick entstehen kann und wie du ihn konsequent vermeidest. Das Vorwärts und das Zum-Treiben-kommen ist dabei essentiell.
Hier geht's direkt zum Video. (Das vollständige Video kannst du nur sehen, wenn du bei wehorse angemeldet bist.)

Noch einmal zusammengefasst:

Was Anlehnung nicht ist

  • Eine starre Verbindung von der Reiterhand zum Pferdemaul
  • Das Gefühl von Druck oder sogar viel Gewicht auf dem Zügel
  • „Vorne ziehen, hinten dagegen treiben“
  • Ein Ziehen oder starres, anhaltendes Durchhalten mit der Hand
  • Ein Fixieren des Pferdekopfes und -halses (ggf. mit Hilfszügeln) in eine feste Position

Was Anlehnung sein sollte

  • Eine federnde und flexible Verbindung von Reiterhand und Pferdemaul, die durch das Herantreten des Pferdes an den Zügel entsteht, das wiederum auf der Schubkraft aus der Hinterhand basiert.
  • Kommunikation: Ein Dialog zwischen Reiter und Pferd, bei dem der Reiter dem Pferd „zuhört“ und fein auf seine Bedürfnisse reagiert.
  • Eine Haltung des Pferdes, in der es über den Rücken schwingt und mit den Hinterbeinen unter den Schwerpunkt tritt, basierend auf Takt und Losgelassenheit.

Übrigens: Anlehnung ist nicht mit der sogenannten Beizäumung zu verwechseln. Anlehnung heißt also nicht immer gleich das typische "Am-Zügel-gehen", das häufig fälschlicher Weise damit gleichgesetzt wird. Die Beizäumung ist vielmehr ein mögliches Resultat aus einer korrekten Anlehnung, bei der das Genick der höchste Punkt ist, der Hals des Pferdes gewölbt und die Nase vor oder höchstens an der Senkrechten.

Ab Minute 07:45 in diesem Video erklärt wehorse-Trainerin Anja Beran, warum es bei der jungen Remonte zum Beispiel enorm wichtig ist, den Hals erst einmal lang werden zu lassen und dem Pferd Freiheit in seiner Halshaltung zu geben, um die Freude am Vorwärts zu erhalten und den Hals später richtig formen zu können. Hier siehst du, wie du dir mit der richtigen Vorgehensweise bei deinem jungen Pferd später keine Sorgen um einen zu engen oder zu tiefen Hals machen musst:

Rüdiger Teil 2: Erstes Ausbalancieren und Anfänge des Schenkelweichens
(Das vollständige Video kannst du dir nur anschauen, wenn du bei wehorse angemeldet bist.)

 

Anlehnung ist FÜR das Pferd

Warum reiten wir eigentlich in Anlehnung? Jedenfalls nicht, damit es schön aussieht. Eine korrekte Anlehnung ist eine Unterstützung für das Pferd, im wahrsten Sinne des Wortes „darf es sich anlehnen“ und sich vertrauensvoll vom Reiter führen lassen. Die Anlehnung hilft dem Pferd, sich auszubalancieren und unterstützt das gemeinsame Gleichgewicht von Pferd und Reiter.

Denn was passiert bei einer richtigen Anlehnung im Hals des Pferdes? Ziel ist, dass die Oberhalsmuskulatur arbeitet und den Hals trägt.

Merke: Ist ein Pferd fertig ausgebildet und trägt sich in der Versammlung in absoluter Aufrichtung selbst, entfällt die Verbindung zu Maul fast gänzlich. Ein weiteres Indiz dafür, dass Anlehnung auch eine ganz feine und vor allem flexible Verbindung von der Reiterhand zum Pferdemaul bedeuten kann, die zeitweise kaum noch zu spüren ist aber jederzeit bei Bedarf wiederhergestellt werden kann.

Im Video "Anlehnung Folge 2: Anlehnung und Aufrichtung jederzeit selbst bestimmen können" zeigt Uta Gräf dir erstens, wie diese Form der Anlehnung bei einem fertig ausgebildetem Grand-Prix-Pferd aussieht aber zweitens auch, wie du trotzdem weiterhin an der Anlehnung arbeiten solltest. Ziel ist, dein Pferd in jedem Moment mit der richtigen Reaktion zu unterstützen und Anlehnung oder Selbsthaltung jederzeit selbst bestimmen zu können.
Hier geht's direkt zum Video (Das vollständige Video kannst du dir nur anschauen, wenn du bei wehorse angemeldet bist).

Was passiert, wenn wir ohne Anlehnung reiten?

Das Pferd hat dann im wahrsten Sinne des Wortes nichts und niemanden zum Anlehnen, es ist auf sich allein gestellt. Man sieht manchmal, dass Reiter Angst davor haben, zu viel einzuwirken und ihrem Pferd zu schaden und dann die Zügel lieber die ganze Zeit ganz durchhängen lassen. Der Gedanke, nicht ziehen oder rückwärts einwirken zu wollen, ist ja richtig, wenn aber überhaupt kein Kontakt und keine Anlehnung bestehen, lässt der Reiter sein Pferd leider aber völlig im Stich.

Manche Pferde kommen damit zurecht, man sieht bei ihnen dann allerdings häufig ein Laufen auf der Vorhand ohne viel Hinterhandaktivität, was in einem nicht schwingenden Rücken und langfristig Rückenproblemen und falscher Haltung resultiert.

Andere Pferde neigen zum Rennen und manche unsicheren oder wenig geübten Reiter trauen sich kaum mehr, sie zu reiten, weil sie immer Angst vor einem Durchgehen haben. Man erntet dann erstaunte Blicke, wenn man ihnen sagt, sie sollen treiben. Denn treiben bedeutet ja nicht immer ein Schneller-Werden-Wollen, sondern eben auch ein Aktivieren der Hinterhand mit dem Ziel des Herantretens an den Zügel. Dasselbe „rennende“ Pferd kann man dann plötzlich beobachten, wie es deutlich langsamer wird, es sich zufrieden an der Reiterhand „anlehnt“ und bei dem man richtig zum Treiben kommt – es brauchte die Unterstützung, die Führung und die Balancierhilfe, die eine korrekte Anlehnung mit sich bringt.

Merke: Anlehnung ist für alle Pferde und Reiter wichtig, nicht nur Dressurpferde oder -reiter!

Im Video "So lernen Pferde Reiterhilfen Teil 3: Lerntheorie - Zügel- und Schenkelhilfen" erklärt und zeigt wehorse-Trainerin Dr. Britta Schöffmann dir nicht nur ganz genau, wie die Zügel- und Schenkelhilfen richtig funktionieren und wie dein Pferd sie richtig versteht, sondern ab Minute 04:00 auch, was passiert, wenn du die Zügelverbindung zu deinem Pferd generell oder beim Nachgeben wegschmeißt. Ein absolut sehenswertes Video mit vielen wichtigen Grundlagen und hilfreichen Übungen zur korrekten Anlehnung!

Hier geht's direkt zum Video. (Hinweis: Das vollständige Video kannst du dir nur anschauen, wenn du bei wehorse angemeldet bist.)

 

Gängige Anlehnungsfehler und passende Lösungsansätze

Bei einem jungen Pferd, das am Anfang seiner Ausbildung steht, geht es deshalb darum, erst einmal sein Vertrauen zur Reiterhand zu gewinnen, ihm zu zeigen, dass es sich anlehnen darf und dass diese Verbindung angenehm ist und ihm halt gibt. Das darf man natürlich nicht mit einem Lehnen auf die Reiterhand verwechseln, bei dem das Pferd das ganze Gewicht seines Kopfes und Halses auf dem Zügel ablegt. In diesem Fall muss die Hinterhand wieder mehr aktiviert, das Vorwärts gefördert und die Schubkraft mehr entwickelt werden.

Im Video "High Noon Teil 1: Longenarbeit & Korrektur der Anlehnung" zeigt der französische Reitmeister Philippe Karl, wie er mit dem Hannoveraner High Noon mit Abkauübugnen am Boden und der richtigen Einwirkung im Sattel eine vertrauensvolle Anlehnung entwickelt. Man kann gut sehen, wie der Wallach erst den Zug zur Hand entwickeln lernen muss und kann erahnen, dass er früher ständig versuchte, sich hinter dem Zügel zu verkriechen oder mit der Nase hinter die Senkrechte zu kommen. Eine sehr gute Demonstration einer flexiblen Hand und eines ständigen Dialogs zwischen Pferd und Reiter!

Hier geht es direkt zum Video.
(Das vollständige Video kannst du dir nur anschauen, wenn du bei wehorse angemeldet bist.)

Höre in dein Pferd rein: Verkriecht es sich eher hinter dem Zügel oder spürst du gar keine Verbindung oder gar keinen Zug zur Reiterhand? Dann fokussiere dich auf das Vorwärts, den Fleiß und die Aktivierung der Hinterhand. Sobald du einen leichtes Herandehnen spürst, gibst du sanft nach und ermöglichst eine angenehme Anlehnung (kein Wegschmeißen des Zügels!). Legt sich dein Pferd auf den Zügel und lässt die Hinterhand schleifen, kann eine kurze Parade nach oben helfen (du wirkst dann auf die Maulwinkel ein und nicht auf die sensible Zunge) und natürlich auch hier die Aktivierung der Hinterhand und die Entwicklung der Schubkraft.

Im Video "Just Paul Folge 4: Treibende Hilfen & feine Anlehnung" weist Paul Stecken genau auf die Momente hin, in denen der Wallach Just Paul zu eng wird und im Genick falsch abkippt - wunderbar, um einen Blick für die richtige Anlehnung zu entwickeln! Ingrid Klimke reagiert prompt und zeigt dir, wie sie den Wallach dazu motiviert, mehr Schubkraft nach vorne zu entwickeln und mit der Nase wieder vor die Senkrechte zu kommen. Schau dir vor allem die Sequenz ab Minute 04:00 an!
Hier geht's direkt zum Video.
(Das vollständige Video kannst du dir nur anschauen, wenn du bei wehorse angemeldet bist.)

In der Serie "Uta Gräf & Lenny Teil 1 bis 4" kannst du dir wunderbare Übungen, Tipps und Inspirationen holen, wenn dein Pferd dazu neigt, sich eng zu machen, hinter die Senkrechte zu kommen oder sich hinter dem Zügel verkriechen zu wollen. Uta ist eine Meisterin darin, die richtigen Hilfen zur richtigen Zeit zu geben, den Zug zur Hand zu entwickeln und dem Pferd genau die Unterstützung zu geben, die es gerade braucht - absolut sehenswert!
Hier geht es zu Teil 1.

(Die vollständigen Videos kannst du dir nur anschauen, wenn du bei wehorse angemeldet bist.)

Zum Schluss möchten wir dir noch das Video "Stellung & Biegung: Geschmeidigkeit und Anlehnung verbessern" mit Ingrid Klimke ans Herz legen. Hier siehst du noch einmal deutlich, wie du dein Pferd mit einer ruhigen, flexiblen Hand unterstützen kannst und mit welchen Übungen du die Hinterhand deines Pferdes aktivieren kannst, um Schubkraft und den Zug zur Hand zu entwickeln.

Hier geht's direkt zum Video.

Fazit: Höre deinem Pferd zu! Anlehnung ist nicht bei jedem Pferd gleich, vor allem nicht der Weg dorthin. Achte darauf, welche Unterstützung dein Pferd von dir braucht und bleibe vor allem immer flexibel mit deiner Hand. Anlehnung ist ein ständiger Dialog mit dem Pferd und entsteht immer über das Vorwärts, den Fleiß der Hinterhand und die Schubkraft nach vorne. Überprüfe immer wieder, ob deine Anlehnung noch reell ist, ob du mit deinem Pferd kommunizierst, ob du nicht zu wenig oder zu viel in der Hand hast und ob dein Pferd wirklich von hinten nach vorne durch den Körper schwingt. Schau dir die Videos immer wieder an, gehe sie in Gedanken auf dem Pferd durch und werde immer besser in der feinen Hilfengebung und im Erfühlen der richtigen Anlehnung. Berate dich eventuell auch mit Freunden, natürlich deinem Reitlehrer - und deinem Pferd. Viel Spaß beim Üben und Besserwerden!