#wehorsewednesday | Was ist klassische Dressur?

Manche verbinden sie mit bestimmten Ausbildern, andere hören den Begriff von ihrem Reitlehrer, wieder andere ordnen sie dem Barockreiten zu: die klassische Dressur. Was hat es damit wirklich auf sich? Ist sie eine eigene Disziplin oder Reitweise? Woran erkennt man einen „klassischen“ Reiter und ein „klassisch“ ausgebildetes Pferd? Dieser Beitrag gibt dir einen Überblick über das theoretische Grundwissen und enthält vor allem Erinnerungen an Wurzeln und Grundsätze, die für jeden Reiter wichtig sind.

Zum Wohl des Pferdes – Ursprünge der klassischen Dressur

Das Pferd war sehr lange nur ein Nutztier für den Menschen. Diente es früh als Nahrungsquelle, wurde es im Krieg bald auch als Transportmittel oder Waffe eingesetzt. Für den Krieg brauchte man aber nicht einfach nur ein Pferd, das einen Soldaten trägt. Nicht selten entschied es immerhin darüber, ob er überlebte oder nicht. Es musste wendig sein, auf jedem Huf voll belastbar, agil und vor allem perfekt an den Hilfen stehen - auch in extremen Situationen. Die Ausbildung solcher Pferde war sowohl langwierig als auch sehr teuer. Schon früh beschäftigte man sich also damit, wie man solche Pferde am besten und effizientesten ausbilden kann und die langfristige Gesunderhaltung des Pferdes bekam einen hohen Stellenwert.

Ein wichtiger Aspekt, der heute oft vergessen wird: Die Anforderungen eines Kriegspferdes erreichte man durch Lektionen, die alle einen bestimmten Zweck hatten. Die Lektionen sind nach den Grundsätzen der klassischen Dressur also nicht das Ziel, sondern das Mittel. Sie sind FÜR das Pferd da, für seine Gymnastizierung, seine Ausbildung, seine Gesunderhaltung.

Die Anfänge der Lehre von dem Verhältnis zwischen Pferd und Reiter finden sich bei Xenophon (430-354 v. Chr), der schon sehr früh einen ausbalancierten Sitz forderte. Er war der erste, der das Verhältnis zwischen Pferd und Reiter von wissenschaftlichen Gesichtspunkten aus betrachtete. Über die Jahrhunderte wurden durch Schriften verschiedener Reitmeister und Hippologen die Grundsätze der heutigen klassischen Reiterei niedergeschrieben.

Der „Vater der französischen Reiterei“ Antoine Pluvinel (1555-1620) setzte sich für eine humane Pferdeausbildung ein und erfand unter anderem die Pilaren als Hilfsmittel, um Temperament und Bewegung ohne Reitergewicht beurteilen zu können sowie die Hinterhand geschmeidig zu machen. Heute sieht man Pilaren nur noch selten.

François Robichon de la Guérinière (1687-1751) setzte sich rund hundert Jahre später für eine systematische Ausbildung des Pferdes vom Leichten zum Schweren ein, die noch heute als Grundlage der klassischen Reitkunst dient. Er lehnte jegliche Gewaltanwendung ab und empfahl eine individuelle Ausbildung jedes einzelnen Pferdes. Er gilt als Erfinder des Schulterherein und legte die Definitionen für Piaffe, Pesade und Passage fest, die heute in der spanischen Hofreitschule noch so gelten. Louis Seeger (1794-1865) beschrieb in einem seiner Werke dann die Fortbewegung, also das Vorwärts, als Seele der Reitkunst, die aber ihren Impuls in der Hinterhand finden muss. Er beschrieb auch, dass die natürliche Schiefe des Pferdes auf die kleineren Schultern im Vergleich zu den Hüften zurückzuführen sei. Oberst Podhajsky, Leiter der Spanischen Hofreitschule in Wien, bestätigte diese Theorie später.

Francois Baucher (1796-1873) war sehr umstritten und ist es wohl auch heute noch. Er war ein Verfechter des tiefen Sitzes und der leichten Hand. Er beschrieb den Schritt als Mutter aller Gangarten, das auch heute noch in der klassischen Reitkunst so gilt. Weiter bezeichnete er das Maul des Pferdes als Barometers seines Körpers. Er führte allerdings auch die fliegenden Wechsel von Sprung zu Sprung ein, die aus Sicht heutiger klassischer Reitkunst eher unnatürlich sind.

Gustav Steinbrecht (1808-1858) gilt als „Vater der deutschen Reitlehre“ und sein Motto „Reite dein Pferd vorwärts und richte es gerade“ gilt noch heute, so auch als Leitmotiv der spanischen Hofreitschule unter Oberst Alois Podhajsky. Er hatte ein immenses Verständnis für Bewegungsabläufe und Zusammenspiel der Muskeln des Pferdes. Sein Werk „Das Gymnasium des Pferdes“ gilt als Standartwerk der klassischen Reiterei in Deutschland.

Dies sind nur einige Beispiele bzw. Ausschnitte aus der Geschichte alter Reitmeister und Hippologen, die die Grundsätze der klassischen Reitkunst prägten, um dir einen ersten Überblick und Eindruck zu verschaffen. Wenn du dich ausführlicher darüber informieren möchtest, findest du detaillierte Ausführungen und Informationen sowie weitere wichtige Namen wie Egon v. Neindorff und Nuno Oliveira hier auf der Seite von wehorse-Trainerin Anja Beran.

Auf keinen Fall entgehen lassen solltest du dir zu dem Thema unser Video „Blickschulung“. Anja Beran erklärt in ihrem Erfolgsvortrag anhand von animierten Trickfilmen sehr anschaulich, was klassische Reitkunst bedeutet. Hier kommst du direkt zum Video.  

Merke: Die klassische Reitkunst begründet sich auf den Schriften, Auffassungen und dem Wissen der alten Meister, das über viele Jahre zusammengetragen und überliefert wurde. Es gibt nicht das eine Standardwerk. Die H.Dv.12 und die darauf beruhenden Richtlinien für Reiten und Fahren begründen sich allerdings auf diesen Erkenntnissen und können als eine Grundlage der klassischen Reitkunst gelten. Heute wird die klassische Reiterei von verschiedenen namenhaften Ausbildern verbreitet und um neue, dem Wohle des Pferdes dienliche, Erkenntnisse ergänzt, ohne jedoch das Fundament anzugreifen.

FN, Barock oder „englisch“ – Warum wir alle mit denselben Grundsätzen reiten, sich die Umsetzung aber manchmal unterscheidet

„Die klassische Reitkunst orientiert sich an der Natur des Pferdes, sie verlangt keine Bewegungsabläufe oder Haltungen, die ein Pferd nicht auch in Freiheit absolvieren würde. Das Pferd soll durch gute und logisch aufgebaute Übungen sein Gleichgewicht finden, so dass es sich zufrieden und selbstbewusst dem Willen des Reiters unterwirft, ohne dass sein natürlicher Bewegungsablauf auf irgendeine Art darunter leidet. Es darf aufgrund der Ausbildung weder psychisch noch physisch Schaden erleiden, sondern das Ziel ist vielmehr ein Pferd, das bis ins hohe Alter gesund und leistungsfähig bleibt. Ein weiteres Ziel ist die Minimierung der Reiterhilfen.“  (Zitat von Anja Beran)

Die Richtlinien für Reiten und Fahren der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) beruhen auf der H.Dv.12, einer Heeresdienstvorschrift von 1912, die 1937 aktualisiert wurde. Ziel der H.Dv.12 war die nachhaltige Ausbildung von Reiter und Pferd für den Kavallerieeinsatz (siehe oben). „Der Krieg fordert vom Reiter die sichere Beherrschung des Pferdes im Gelände, vom Pferd Gehorsam, Gewandtheit und Ausdauer. Dieses Ziel zu erfüllen, ist das Ziel der Ausbildung von Reiter und Pferd. Dauernden Erfolg wird sie nur haben, wenn alle Vorgesetzten und Untergebenen von der Freude am Reiten und der Liebe zum Pferd beseelt sind“, heißt es in der Einleitung.

Die Richtlinien der FN entsprechen also, entgegen der Erwartungen vieler Reiter, den Grundsätzen der klassischen Reitkunst. Sie beschreiben sehr genau die Grundsätze der einzelnen Lektionen, wie sie auch in der klassischen Dressur geritten werden sollen und wie ein gesundes Pferd richtig geht. Lektionen wie die Traversale oder die Piaffe werden, wie oben erwähnt, nicht als Ziel der Dressur angesehen, sondern als Mittel für die Gymnastizierung des Pferdes.

Merke: Jedes Pferd kann die Dressurlektionen, die wir heute kennen, im Rahmen seiner natürlich gegebenen Möglichkeiten erlernen.

 

Gibt es dann eigentlich einen Unterschied zwischen der klassischen Dressur, der FN-geleiteten oder englischen Dressur und zum Beispiel der barocken Reitweise?

Die Antwort ist: Im eigentlichen Kern nicht. Bei der barocken Reitweise oder der Arbeitsreitweise Working Equitation wird vielleicht eine andere Ausrüstung genutzt und häufig wird sie, wie die klassische Dressur, mit dem Reiten iberischer Pferderassen verbunden. Die Grundsätze der dressurmäßigen Ausbildung des Pferdes sind jedoch theoretisch dieselben.

In diesem Video zeigt Welt- und Europameister Pedro Torres dir, warum die Ausbildungsskala und die klassischen Grundsätze genauso auch für die Working Equitation gelten.

Im Reitsport der Gegenwart entsteht trotzdem häufig der Eindruck, als wären die klassische Dressur und die „FN-Reiterei“ zwei unterschiedliche Reitweisen und das nicht nur wegen der Unterschiede bezüglich Pferderassen. Das liegt allerdings nicht an den klassischen Grundsätzen selbst, sondern an ihrer unterschiedlichen Interpretation bzw. Umsetzung. Faktoren, die dabei eine Rolle spielen, sind mangelnde Geduld, Geld und Erfolg. Ein Pferd gewissenhaft nach klassischen Grundsätzen bzw. nach den Richtlinien der FN auszubilden, kostet Geld und braucht viel Zeit. Unter dem Druck des modernen Turniersports haben viele dieses nicht bzw. werden oft schnelle Erfolge erwartet. Junge Pferde werden in Lektionen gezwungen, die noch nicht ihrem Alter und ihrer physischen Entwicklung entsprechen, es kommt zu einer unnatürlichen Halshaltung, die dem Pferd mehr schadet als nützt und es werden Methoden entwickelt, die schnelle Ergebnisse herbeiführen, die mit den klassischen Grundsätzen nicht mehr viel gemein haben.

Auch hierzu findest du im Video „Blickschulung“ deutlich dargestellte und belegte Beispiele und Erklärungen.

Ablauf der klassischen Ausbildung

Die Ausbildung des Pferdes beginnt in der klassischen Reitkunst erst mit dem 3-jährigen Pferd und zieht sich besonders am Anfang nur über 15-20 Minuten 2-3 Mal die Woche. Völlig zwanglos und mit Ruhe wird das Pferd an die Hilfen vom Boden aus herangeführt.

Wie die erste Longenarbeit mit einem jungen Pferd aussehen kann, zeigt dir Anja Beran in diesem Video. 

Anja Berans Theorie-Vortrag und Praxiseinheit über die Ausbildung junger Pferde nach klassischen Grundsätzen kannst du dir hier anschauen:

Die Ausbildung junger Pferde nach klassischen Grundsätzen - Theorie

Die Ausbildung junger Pferde nach klassischen Grundsätzen - Praxis

Um die Videos in der vollen Länge jederzeit anschauen zu können, melde dich hier schnell und einfach bei wehorse an. Wir freuen uns auf dich!

Da die Lektionen der klassischen Reitkunst immer der Natur des Pferdes entspringen, sollte ihr auch die Reihenfolge der erlernten Lektionen entsprechen. So wird zum Beispiel eine Trabverstärkung üblicherweise erst nach dem Erlernen der Piaffe und Passage abgefragt. Natürlich kann man sie auch mit dem jungen Pferd einmal zur Überprüfung der Rittigkeit in das Training einbauen. Entscheidend ist dabei, den natürlichen Bewegungsablauf des Pferdes nicht zu stören. Die diagonale Beinbewegung soll also erhalten bleiben, während sich die Nase eher vor der Senkrechten befindet.

Da eine vollendete Trabverstärkung allerdings eindrucksvoll aussehen kann und bei einigen Pferdekäufern als Aushängeschild gilt, wird sie in der Praxis häufig zu früh abgefragt, was in einer ungesunden Haltung des Pferdes mündet ("Strampeln") – entgegen der klassischen Grundsätze aber auch entgegen der Richtlinien der FN!

Eine Trabverstärkung als solches ist ein eher unnatürliches Verhalten für das Pferd, da der Trab für ein Pferd nur einen Übergang zwischen Schritt und Galopp darstellt. In freier Wildbahn wird man selten Pferde traben sehen.

Merke: Die Trabverstärkung ist in der klassischen Reiterei lediglich eine Überprüfung der Rittigkeit des Pferdes und keine Lektion zum Selbstzweck. 

Die Piaffe hingegen, ist eine der am besten geeignetsten Übungen, um dein Pferd zu stärken und die Gewichtsverteilung deines Pferds zu unterstützen. Sie wird nach klassischen Grundsätzen daher auch schon mit dem jungen Pferd geübt. Die richtige Ausführung und der richtige Aufbau der Übung ist dabei entscheidend.

Wie du mit deinem Pferd vom Boden aus eine Piaffe erlernen kannst, zeigt dir Kathrin Roida in diesem wehorse-Video. 

Wie die Piaffe unter dem Sattel entwickelt wird, siehst du in diesem Video mit Anja Beran.

Ähnlich verhält es sich mit der Anlehnung. Ziel ist es nicht eine dauerhafte Anlehnung des Pferdes an beiden Zügeln zu erreichen, sondern ein Pferd, das in Selbsthaltung läuft und nur sehr wenig die Zügel braucht. Gewünscht ist ein Pferd, das auch bei nachgegebenem Zügel die Selbsthaltung behält und erst, wenn der Reiter es mit dem Sitz zulässt, sich streckt. Entscheidend ist, wer den Kontakt aufgibt. Sieht man einen lockeren Zügel, weil das Pferd sich verkriecht, ist das nicht gewünscht aber sieht man einen lockeren Zügel, weil der Reiter loslässt und das Pferd sich streckt, ist das genau das gewünschte Verhalten.

Wie man mit einem „sich verkriechenden“ Pferd an der Anlehnung arbeiten kann, zeigt dir Uta Gräf in diesem Video.

Fazit: Unsere Wurzeln sind dieselben

Schaut man sich die Grundlagen und die Wurzeln der klassischen Reitlehre, der Richtlinien der FN, sogar der Westernreiterei oder der Arbeitsreitweise Working Equitation an, stimmen sie in den meisten Aspekten überein. Wir möchten unsere Pferde alle pferdefreundlich und gesunderhaltend fördern und ausbilden – egal mit welcher Ausrüstung oder welchen Pferderassen.

Es kann also äußerst sinnvoll sein, immer mal wieder zu hinterfragen, warum man eigentlich auf die Art und Weise reitet, wie man reitet und auf welchen Grundsätzen diese Reiterei beruht. Und zwar unabhängig von dem, was man auf manchen Turnierplätzen sieht oder was einem vielleicht ein Reitlehrer erzählt, der sich selbst lange nicht mit den eigentlichen, bewährten Grundlagen und Erkenntnissen der alten Meister beschäftigt hat, auf denen unserer Reiterei – egal in welcher Disziplin – beruht.

Hinweis: Um die im Beitrag empfohlenen Videos in der vollen Länge anschauen zu können, melde dich hier schnell und einfach bei wehorse an. Wir wünschen dir eine erfüllte Zeit mit deinem Partner Pferd!