Die neue Art, Zuckerbrot und Peitsche zu nutzen

Frau und Pferd Portraitfoto

Ein Gastbeitrag vom Blog www.alifewithhorses.de

Zuckerbrot und Peitsche sind nicht mehr angesagt, heißt es. Das sei Vergangenheit. Stimmt nicht. Eine Zeitreise in diese Mentalität gibt's gratis noch in vielen Reithallen. Viel überraschender finde ich jedoch die Splittung von Zuckerbrot und Peitsche in den diversen Methoden. Schon beim Umgang mit dem Pferd ist beides im Extrem zu finden.

Clickern ist das neue Zuckerbrot

Wer nur mit Zuckerbrot arbeiten möchte, der findet mit hoher Wahrscheinlichkeit irgendwann den Weg zum Clicker-Training. Reine positive Verstärkung. Unerwünschtes Verhalten wird ignoriert, erwünschtes Verhalten wird belohnt. Das funktioniert wunderbar, wenn man sich an ein paar Rahmenbedingungen hält und zugleich bereit ist, seine Reitambitionen hintenan zu stellen. Die bleiben nämlich ganz schön häufig dabei auf der Strecke. Das große Aber: Wer die Rahmenbedingungen und Regeln nicht konsequent einhält – und das passiert leider nicht selten – hat irgendwann ein unhöfliches Pferd da stehen. Das sein Futterlob aufdringlich einfordert, vielleicht sogar aggressiv gegen den Menschen wird.

Die Gefahr beim Horsemanship: Druckverstärkung ohne Ende

Das andere Extrem: Wer in Richtung Horsemanship geht, muss ganz schön darauf aufpassen, nicht in eine Spirale der Druckverstärkung zu kommen. Das Endergebnis von Horsemanshiparbeit, die mit viel Druck arbeitet, wird so häufig bejubelt auf großer Bühne: Es sind Freiheitsdressuren oder gerittene Shownummern, bei denen die Körpersprachen der Pferde Stress und Abwehr signalisieren. Pinselnde Schweife, verkniffene Mäuler sind da zu sehen, keine Losgelassenheit ist erkennbar, weder körperliche noch psychische. Aber die Pferde liefern ab. Sie laufen ohne Zaum da hin, wo der Mensch möchte, sie lassen sich ohne Zaumzeug oder mit wenig Ausrüstung in irgendwelchen scheinbar hohen Lektionen reiten.

Wenn die Harmonie bei der Freiarbeit nur Show ist

Warum tun die Pferde das noch? Aus Sorge vor der nächsten Ebene der Druckverstärkung. Diese Pferde wirken wie ferngesteuert. Dann ist das ursprüngliche Ziel, sich besser miteinander zu verstehen, unendlich weit weggerutscht. Vorsicht jedoch vor dem Verurteilen jeglicher Schaunummern: Freiarbeit kann auf verschiedene Arten erreicht werden. Je nach Methode hat sie eben diese erschreckende Kehrseite. Sie kann die strikteste Form der Arbeit mit dem Pferd überhaupt sein. Die Härte und Druckverstärkung ohne Maß beherbergt.

Warum machen die einen Reiter zu viel Druck und die anderen scheuen jede Grenze?

Wenn ich so etwas sehe, frage ich mich immer: Wie kam derjenige, der das praktiziert, dahin? Und was war die ursprüngliche Suche? Die Antworten zu beiden Extremen sind ähnlich. Am Anfang steht die Suche nach Gemeinschaft mit dem Pferd. Die Faszination für das Pferd. Die dazu führt, sich auf den Weg zu machen. Bei der Zuckerbrot-Variante wird vermutlich der Wunsch immer größer, das Pferd ohne Abstriche zu begeistern. Keine Variante der Druckverstärkung mehr zu nutzen. Irgendwann ist sogar der weich angelegte Reiterschenkel, der ein Weichen erfragt, zu viel. Denn er gehört wissenschaftlich betrachtet zu den negativen Verstärkern.

Probleme mit dem Pferd lösen & das eigene Umfeld checken

Bei der Druckverstärkungs-Variante schlägt der Ehrgeiz in eine andere Richtung. Vielleicht ist der Einstieg der Wunsch, ein Problem zu lösen. Der nächste Schritt ist das Beschreiten eines Umfeldes, in dem Druckverstärkung dazu gehört und als logische Konsequenz genutzt wird. An sich nichts Schlimmes. Schlimm wird es, wenn es die Grenze nicht mehr gibt, die sagt: "Bis hier und nicht weiter." Wenn es kein Maß mehr für eine Druckverstärkung gibt. Auch Druckverstärkung muss eine Grenze haben, sonst ist sie irgendwann tierschutzrelevant.

Ein Plädoyer für das Wertschätzen der Basisarbeit

Der Wunsch, etwas besonders gut zu machen, mag in beiden Methoden eine große Rolle spielen. Denn nur, wer strebsam ist, wer eifrig ist, geht an Grenzen und in Extreme. Fleiß erzeugt gute Leistung - und hat so seine Fallstricke. 

Der Druck der Reiterwelt von außen kommt hinzu, die scheinbar ruft: Erst wenn Du etwas Großes zeigst, gilt das als wertige Arbeit. Für die Freiarbeitsjünger mag das bedeuten:  Wenn Dein Pferd Dir frei jegliche Lektionen anbietet, dann ist das was. Für die Dressurreiter: Wenn Du eine tolle Piaffe reiten kannst, bist Du wer. Oder, für die akademisch geprägte Leute: Erst, wenn Dein Pferd ein Schulhalt kann, darfst Du mitreden.

Die Folge davon ist, dass ziemlich viele Leute sich nicht mehr über kleine korrekte Dinge freuen können und die wertschätzen. Das Plädoyer für die kleinen Dinge beim Lernen mit dem Pferd findest Du auf meinem Blog. Und ein Ereifern darüber, warum es so schade ist, dass viele Leute im Zweifel lieber halbgares, scheinbar anspruchsvolles Zeug zeigen, weil sie denken, erst diese Ebene wäre wertvoll.

P.S.: Um allen Missverständnissen vorzubeugen, hier noch explizit ausgesprochen: Ich schätze beides sehr, Clicker- sowie Horsemanshiparbeit. Vorrausgesetzt, sie sind gut gemacht! 

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