Eine Verneigung vor der Ausbilderin Linda Tellington-Jones

Portraitfoto von Linda Tellington-Jones

Ein Gastbeitrag vom Blog www.alifewithhorses.de

Es waren 30 Minuten am Telefon. Mehr Zeit braucht es nicht, damit Linda Tellington-Jones einen vom Hocker reißt. Sie sprach über das Leben an sich (Sehr konkret, zum Beispiel, dass sie ihre Passion Mitte der 70er Jahre in einem Café in der Nähe von Frankfurt entdeckte und wusste: Das ist es!). Sie kramte Geschichten über ihr Kinderpony heraus, bei denen sich sich selbst kaputt lachte, während sie diese erzählte. (Eine davon: Wie die sechsjährige Linda dem Pony eine Wäscheklammer ans Ohr klemmte, um es fürs Runterbuckeln zu bestrafen. „Der erste Ttouch!“ sagte sie, lachte, und fügte hinzu: „Hat natürlich nicht funktioniert!“).

Das Rezept zum fit bleiben

Auf der Equitana hat mich Linda Tellington-Jones noch mal mehr beeindruckt, als sie das sowieso schon seit Jahren tut. Gefühlt saß sie täglich mehrfach auf dem Pferd (hier habe ich das genauer beschrieben). Mit Inbrunst zeigte sie, erklärte sie, und das hörte auch nicht auf, als sie aus dem Ring herauskam. So zugewandt und herzlich zu den Leuten, die sie sprechen wollten, auch am siebten Messetag noch. So eine lange Messe wie die überdachte Equitana zehrt an denjenigen, die da täglich im Ring stehen oder an den Ständen. Aber bei Linda Tellington-Jones sah es aus, als ob sie das aus dem Handgelenk schüttelt, ein Spaziergang voller frohen Mutes. Wie macht sie das, mit 81 Jahren? Wie bitte geht das Rezept dafür, auf diese Art und Weise älter zu werden?

„Ich sehe die Schönheit in jeder Person und jedem Menschen, das ist Teil des Rezepts“, sagt sie. „Wenn ich auf ein Lebewesen schaue, sehe ich dass das ein Wunder ist. Das wir ein Wunder sind“, sagt Linda Tellington-Jones. Aufgeschrieben klingt das etwas kitschig. Wenn Linda es ausspricht, klingt es nach einer klaren Aussage, nach einem Kern, an dem es nix zu Rütteln gibt.

Warum es gut ist, in der Wendy vorzukommen

Die Equitana 2019 sei für sie die schönste Equitana seit langem gewesen: „Es kamen so viele Leute zu mir, die sagten, ich hab Dein Buch gelesen, ich hab Dich in der Wendy schon gelesen.“ Die ihr erzählten, dass sie und die Ttouches schon seit ihrer Jugend oder Kindheit zu ihrem Leben mit Pferden dazu gehören. Das mit der Wendy ist ihr wichtig, sie findet es wunderbar, durch so ein Magazin junge Menschen zu erreichen. „Jeden Tag bin ich dankbar für das, was das Leben für mich bereit hält.“

Die Stimmung auf dem Pferd verbessern

Geprägt sei sie selbst vor allem durch ihre Mutter. Das Rezept, dass diese ihr mitgab, ist sehr einfach und etwas, das einjeder täglich selbst öfters tun kann. Sie sagte zu Linda Tellington-Jones, als diese als Zwölfjährige Shows ritt, immer nur einen Satz: „Smile my dear, smile!“, also „Lächeln, meine Liebe, lächeln!“ Diese Shows waren ein Riesending, es waren neuntägige Veranstaltungen in Kanada, wo Linda aufwuchs. In einer riesigen Arena ritten stets 40 Paare auf einmal. Und dazwischen eben ein zwölfjähriges Mädchen. Das Lächeln ist mehr als ein freundliches Zeichen: „Wenn wir lächeln, entspannt sich unser Kiefer und es hilft der Atmung“, erklärt Linda Tellington-Jones. „Inzwischen weiß man auch, dass Serotonin und Oxytocin, die Hormone für Glücksgefühle, Vertrauen und Nähe, dadurch vermehrt ausgeschüttet werden.“ Wer reitet, lächelt und den Atem fließen lässt, wird besser reiten, sagt Linda Tellington-Jones: „Normalerweise halten wir den Atem an, wenn wir uns konzentrieren. Wenn Du lächelst, passiert etwas beim Training, das Pferd wird davon beeinflusst.“ Linda Tellington-Jones kommt durch solche Erklärungen schnell auf viel tiefere Themen zu sprechen. Dass dadurch ein Moment des Friedens entstehe, „This brings us to a place of peace“ entstehe, dass das etwas mit Vergebung zu tun habe, sich selbst und dem Pferd gegenüber.

Linda live auf Facebook, Jesus ist auch dabei

Denn wie oft kritisieren wir uns oder das Pferd, noch während wir etwas mit ihm tun. Und wenn es auch nur innerlich geschieht, es hat eine Auswirkung, und eben leider keine gute. Dieses Vergeben, das ist ein zentrales Thema von Linda Tellington-Jones. Das passt gut zu Ostern. Denn vor ein paar Monaten ging die 81-jährige live auf Facebook, weil sie etwas erzählen wollte, dass sie noch nie öffentlich erzählt hatte. Schon allein der gewählte Kanal ist wieder unfassbar beachtlich: Eine 81-jährige, die Facebook nutzt, um live möglichst vielen Menschen etwas ihr Wichtiges zu erzählen. Linda erzählte, dass sie eine Jesuserscheinung hatte. Heute, zur Veröffentlichung dieses Artikels, ist es Ostermontag, daher denke ich, dass ich Euch so eine religiöse Anekdote zumuten kann. 1982 hatte sie die Erscheinung. „You are ready to teach forgiveness“ habe er ihr gesagt, sie sei nun bereit, Vergebung zu lehren. Und sie habe gesagt, dass sie das tun wolle: „Okay, I can do that.“ Schließlich brauchen wir das doch alle“, sagte sie dazu im Gespräch, „Wir müssen uns selbst vergeben.“ Schuldgefühle durch Dankbarkeit ersetzen, damit Orte und Momente entstehen, die sich besser anfühlen, für Mensch wie Tier.

Pferde und Menschen gut einschätzen

Wohlgemerkt: Unser Telefonat war nur eine halbe Stunde lang. Sie vermag, dass es in so kurzer Zeit irgendwie um alles geht. Um ihre Kindheit, ihre Methode, um den Frieden in einem selbst und in der Welt, um die Art, wie sie Menschen und Pferden begegnet. Linda Tellington-Jones spuckt Halbsätze aus, die bedeutender sind als vieles, was man in unendlichen Unterhaltungen hört. Einer war: „Persönlichkeit und Seele, das sind ja zwei Dinge.“ Ich denke noch Wochen später darüber nach. Es macht so viel Sinn. Dass Persönlichkeit, Verhaltensweisen, Vorlieben, etwas anderes ist als die Seele, also das, wie sich ein Mensch in der Tiefe anfühlt. Ich gucke seitdem Menschen mit diesem neuen Spruch im Kopf an und es macht Klick. Deshalb also mag ich wen dennoch sehr, der mich oft nervt. Deshalb also ist jemand innerlich schön und dann wieder im Beisammensein anstrengend. Deshalb also kann es angenehm sein, mit jemandem Zeit zu verbringen, aber doch bleibt da so ein mulmiges Gefühl. Wie konnte ich das übersehen, diesen Zusammenhang? Es ist so einleuchtend.

Was für eine kluge Frau. So viel Ehrfurcht und Hochachtung für Linda Tellington-Jones.

P.S.: Einige meiner Blogleser haben sich gewünscht, mal zu lesen, was ich als Fachjournalistin für Pferdethemen eigentlich genau mache. Und sie haben gefragt, ob ich mal etwas mehr davon erzählen kann, wie es so hinter den Kulissen ausschaut. Das kannst Du jetzt direkt auf dem Blog www.alifewithhorses.de nachsehen!