#wehorsewednesday | Den fliegenden Wechsel richtig erarbeiten

Der fliegende Wechsel ist eine fortgeschrittene Lektion, die ab der Klasse M abgefragt wird. Bei einem gut ausgebildeten Reiter-Pferd-Paar kann er herrlich spielerisch und leichtfüßig aussehen. Der Weg zum eigenen, fehlerfreien fliegenden Wechsel ist allerdings alles andere als spielend einfach. Dieser Beitrag hilft dir, die Hintergründe des fliegenden Wechsels zu verstehen, um dich optimal auf die Lektion vorzubereiten. Wir geben dir genau die Tipps und Erfahrungen unserer Trainer an die Hand, die du zum Erarbeiten eines korrekten „Fliegenden“ brauchst.

Ein Balanceakt – den fliegenden Wechsel verstehen

Wo kommt die Lektion „fliegender Wechsel“ eigentlich her und warum ist er Teil von Dressurprüfungen? Basierend auf den klassischen Grundsätzen gehen die Richtlinien für Reiten und Fahren davon aus, dass die Lektionen nicht das eigentliche Ziel sind, sondern einem Zweck dienen: der Gymnastizierung des Pferdes. In der Dressur dient der fliegende Wechsel zur Überprüfung der Losgelassenheit und der Geraderichtung und fördert die Koordination des Pferdes.

wehorse-facebookgruppe-blog-ad

Alle Lektionen beruhen außerdem auf natürlichen Bewegungen, die das Pferd auch in freier Wildbahn ausführt. Wenn du dein Pferd allein oder in der Gruppe auf der Weide beobachtest und es ins Galoppieren kommt, ist es sehr wahrscheinlich, dass du früher oder später einen fliegenden Wechsel bemerkst. Manchen Pferden fällt der fliegende Wechsel leichter als anderen, manche springen ihn nicht ganz korrekt durch aber er kommt von Natur aus vor. Das Pferd nutzt ihn, um ohne in den Trab durchzuparieren, den Fuß zu wechseln.

Für das Pferd ist es allerdings im wahrsten Sinne des Wortes ein schwerwiegender Unterschied, ob es den Wechsel frei auf der Weide oder mit dem Gewicht des Reiters auf dem Rücken präzise zu einem bestimmten Zeitpunkt durchführen soll. Der fliegende Wechsel wird unter dem Sattel zu einem Balanceakt. Es bedarf einigen Voraussetzungen, einer gut überlegten Vorbereitung und präziser Hilfen, um den fliegenden Wechsel unter dem Sattel richtig zu erarbeiten und von Anfang an Fehler zu vermeiden.

„Nach“, „durch“ oder „hinten voraus“? – Korrekte Wechsel und typische Fehler erkennen

Hast du schon einmal jemanden „Nach!“ oder „Durch!“ rufen hören, während ein Reiter die fliegenden Wechsel übte? Das Ziel ist immer ein durchgesprungener fliegender Wechsel. Das bedeutet, dass das Pferd im Moment der freien Schwebe gleichzeitig mit der Vorderhand und der Hinterhand umspringt. 

Einen perfekt gerittenen fliegenden Wechsel kannst du dir in diesem Video ab Minute 07:58 von Dr. Reiner Klimke auf Ahlerich im Madison Square Garden ansehen. Die Dressurlegende zeigt dir hier auf seinem Ausnahmepferd die fliegenden Wechsel als Serie. Hier geht es direkt zum Video.

(Über den Link kommst du zu einem Probe-Ausschnitt des Videos, wenn du nicht bei wehorse angemeldet bist. Anmelden kannst du dich hier ganz schnell und einfach schon ab 14,90 € pro Monat.)

„Nach“, also nachgesprungen, ist ein Wechsel, bei dem das Pferd zuerst mit dem Vorderbein und anschließend mit dem Hinterbein umspringt und auf dem Boden landet. Einen nachgesprungenen Wechsel kannst du dir in diesem Video von Ingrid Klimke ab Minute 24:09 ansehen. Die Olympiasiegerin gibt dir hilfreiche Tipps, mit denen dein Pferd lernt, durch- und nicht nachzuspringen. Hier geht’s direkt zum Video.

Weitere Fehler sind das „Hinten-Voraus-Springen“, bei dem das neue innere Hinterbein vor dem Vorderbein wechselt, sowie das gleichzeitige Auffußen der Hinterbeine beim Wechsel. Wenn zwischen der Reiterhilfe und dem Galoppwechsel mindestens ein Galoppsprung vergeht, spricht man von „nach der Hilfe“.

Die korrekte Beinfolge eines fliegenden Wechsels vom Links- in den Rechtsgalopp sollte also wie folgt zu beobachten sein: rechts hinten - rechts vorne und links hinten – links vorne – Schwebephase – links hinten – links vorne und rechts hinten – rechts vorne. Es ist sehr wichtig, sich das zu verinnerlichen und die Mechanik des Wechsels zu verstehen, bevor man ihn reiten möchte!

Weitere typische Fehler beim fliegenden Wechsel sind eine zu hohe Kruppe, ein Eng-sein im Hals, eine hohe Anspannung des Pferdes, ein schiefer oder schwankender Wechsel oder ein Gegen-die-Hand-gehen.

Tipp: Hole dir beim Üben des fliegenden Wechsels immer Unterstützung von einem geschulten Beobachter. Vom Pferd aus erkennst du nicht immer, ob ein Wechsel durch- oder nachgesprungen ist. Schleicht sich ein Nachspringen erst einmal ein und wird häufig wiederholt, ist es sehr schwierig, den Wechsel wieder sauber hinzubekommen.

Den fliegenden Wechsel erarbeiten: Voraussetzungen & Vorbereitung

Es ist eine Sache, einen fliegenden Wechsel auf einem dafür ausgebildeten Pferd zu reiten – eine andere, ihn einem Pferd beizubringen. Deshalb sollte das auch immer nur von einem erfahrenen Reiter durchgeführt werden, der das Gefühl eines richtigen Wechsels kennt und sein Pferd angemessen vorbereiten kann.

Der fliegende Wechsel kann nur so gut sein, wie der Galopp davor. Um einen fliegenden Wechsel zu reiten, muss dein Pferd fleißig vorwärts und bergauf galoppieren und vor allem gut an den Hilfen stehen. Du solltest in der Lage sein, den Galopp nach Belieben versammeln und erweitern zu können. Takt, Losgelassenheit, Anlehnung, Schwung, Geraderichtung und Versammlung gemäß der Ausbildungsskala sollten gegeben sein – das heißt, dein Pferd sollte mit einem aktiven Hinterbein unter den Schwerpunkt treten und sich über den Rücken an deine Hand herandehnen, ohne dabei zu eng in der Ganasche zu sein oder sich gar auf die Vorhand zu stützen.

Tipp: In diesem Video mit Ingrid Klimke bekommst du Inspirationen für deine Galopparbeit. Überprüfe genau: Ist dein Galopp gut genug, um mit den fliegenden Wechseln beginnen zu können?

Eine wichtige Vorübung für den fliegenden Galoppwechsel ist der einfache Galoppwechsel. Die Übergänge vom Galopp zum Schritt und andersherum sollten also einwandfrei, ausbalanciert und flüssig funktionieren.

Dr. Britta Schöffmann zeigt dir in diesem Video, wie du die einfachen Galoppwechsel erarbeitest, wie das Zusammenspiel von Zügel-, Gewichts- und Schenkelhilfen aussieht und welche typischen Fehlerquellen du vermeiden kannst. Hier geht es direkt zum Video.

Die Hilfengebung beim fliegenden Wechsel

Wie oben erläutert, ist es für ein Pferd deutlich schwieriger, einen fliegenden Wechsel mit, als ohne Reiter zu absolvieren. Mit Reiter muss es seine Balance erst wiederherstellen. Damit das Pferd den Wechsel außerdem präzise an einem bestimmten Punkt ausführen und verstehen kann, was der Reiter von ihm möchte, bedarf es einer genauen Hilfengebung und vor allem eines guten Timings der Hilfen.

Du bereitest den fliegenden Wechsel mit einer halben Parade vor, damit dein Pferd weiß, dass etwas Neues kommt. Der jetzige äußere Schenkel, der verwahrend hinter dem Gurt liegt, kann zur Vorbereitung kurze Vorwärtsimpulse geben, um das neue innere Hinterbein zu aktivieren und auf das Vorspringen im Wechsel vorzubereiten. Während des Wechsels passieren mehrere, aufeinander abgestimmte Hilfen. Das Pferd wird leicht in Richtung der neuen inneren Seite gestellt, während die Reiterschenkel die Position tauschen. Die neue innere Hand gibt beim Durchsprung nach, damit der neue innere Hinterfuß durchspringen und der Wechsel bergauf gelingen kann.

Bezüglich der Gewichtsverlagerung gibt es wie beim Angaloppieren unterschiedliche Auffassungen. Die einen verschieben ihre Hüfte und ihr Gewicht leicht zur neuen inneren Seite. Wichtig ist dabei, dass es sich um eine minimale Bewegung handelt, die das Pferd nicht aus dem Gleichgewicht bringt. Generell muss das Ziel immer ein fliegender Wechsel mit minimaler Einwirkung des Reiters sein. Bei jungen Pferden, die den Wechsel erst lernen, müssen die Hilfen oft noch etwas deutlicher gegeben werden, um dem Pferd verständlich zu machen, was man von ihm möchte. Der Reiter muss hier die Gratwanderung zwischen einer deutlichen Hilfengebung und dem Das-Pferd-nicht-aus-dem-Gleichgewicht-bringen meistern.

wehorse-Trainer Philippe Karl bezieht sich auf wissenschaftliche Experimente, die schon im 19. Jahrhundert bewiesen, dass ein Pferd zum Beispiel im Rechtsgalopp das linke seitliche Beinpaar stärker belastet. Daraus ergibt sich für ihn, dass der Reiter beim Angaloppieren und auch beim fliegenden Wechsel in den Rechtsgalopp vermehrt links sitzen muss.

3 Ansätze, um deinem Pferd den fliegenden Wechsel beizubringen

Um deinem Pferd die Idee des fliegenden Wechsels verständlich zu machen, gibt es verschiedene Ansätze.

Erstens: Du kannst den fliegenden Wechsel mithilfe einer gedachten Acht erarbeiten, wie Ingrid Klimke in diesem Video. 

Sie wechselt den Galopp zunächst über einen einzelnen Schritt-Tritt, um dann den fliegenden  Wechsel das erste Mal zu probieren. Hierfür muss es dem Pferd allerdings von Natur aus eher leicht fallen, die fliegenden Wechsel zu erlernen.

Zweitens: Bei Pferden mit einem eher unvorteilhaften Exterieur oder vorhandenen Durchsprungfehlern kann man es mit etwas Höhe versuchen, um die Schwebephase zu verlängern und den Wechsel einfacher zu machen. Geeignet ist ein halbhohes Cavaletti, das bei X parallel zur langen Seite aufgebaut wird, so dass aus dem Zirkel gewechselt werden kann.

Dr. Britta Schöffmann zeigt dir in diesem Video worauf du bei der Vorbereitung mit dem Cavaletti achten solltest. Eine ihrer Reitschülerinnen demonstriert mit ihrem Pferd das Erarbeiten des „Fliegenden“ mithilfe des Cavaletti. Hier geht es direkt zum Video.

Tipp: Was du in dem Video mit Dr. Britta Schöffmann auch wunderbar sehen kannst, ist, dass nicht jedes Pferd mit der gleichen Methode die Wechsel am besten lernt. Das eine reagiert vielleicht auf ein feines Touchieren mit der Gerte, beim anderen klappt es mit dem Cavaletti, wieder ein anderes versteht es sofort mit der Zirkelübung von Ingrid. Deshalb achte genau auf die Reaktionen deines Pferdes, probiere unterschiedliche Dinge aus und bleibe vor allem geduldig. Denke immer daran: Dein Pferd möchte dich nicht ärgern, indem es den Wechsel nicht springt. Es hat vielleicht einfach noch nicht verstanden, was du von ihm möchtest oder erfüllt noch nicht die Voraussetzungen, damit es einwandfrei funktionieren kann!

Der dritte Ansatz kommt von Philippe Karl. Er erarbeitet den fliegenden Wechsel gern aus dem Renvers heraus und übt ihn, anders als in den bisher genannten Übungen, vom Handgalopp in den Außengalopp auf dem Zirkel. In diesem Video erklärt er dir ab Minute 07:35 genau, wie er dabei vorgeht und warum es so deutlich einfacher für das Pferd ist, den fliegenden Wechsel zu erlernen.

"Der Reiter kann dem Pferd den fliegenden Galoppwechsel von rechts nach links am einfachsten beibringen, indem er es auf einem Zirkel rechter Hand in Linksbiegung nach links umspringen lässt. Dabei sitzt der Reiter entsprechend nach rechts."

Zusatztipp: Wenn dein fliegender Wechsel in den Grundlagen schon funktioniert, du ihn aber noch ein wenig festigen möchtest oder die eine Seite besser klappt als die andere, dann hat Uta Gräf in diesem Video hilfreiche Anregungen für dich:

Helios Weg zum Dressurpferd Folge 5: Vorarbeit Pirouetten und fliegende Galoppwechsel

Wir wünschen dir ganz viel Freude beim Lernen und Besserwerden und eine erfüllte Zeit mit deinem Partner Pferd!