Reiten und Angst: Endlich wieder Freude im Sattel

Kennst du das auch? Dieses mulmige Gefühl in der Magengegend, kurz bevor du in den Sattel steigst? Die plötzlich schweißnassen Hände beim Gedanken daran, dass dein Pferd scheuen könnte oder die lähmende Angst nach einem Sturz, die dich davon abhält, wieder aufzusteigen?

Jeder Reiter weiß genau, wie du dich fühlst. Und du bist nicht allein – Angst beim Reiten ist weitaus verbreiteter, als die meisten Reiter zugeben möchten.

Warum haben wir eigentlich Angst beim Reiten?

Unser Gehirn ist darauf programmiert, uns zu schützen. Wenn es eine potenzielle Gefahr wahrnimmt – wie das Sitzen auf einem 500 kg schweren Fluchttier – schlägt es Alarm. Diese Reaktion ist völlig normal und sogar sinnvoll.

Was dabei im Körper passiert, ist sehr spannend: Unser Gehirn, genauer gesagt die Amygdala, identifiziert eine Bedrohung und löst innerhalb von Millisekunden eine Kaskade von Reaktionen aus. Adrenalin und Cortisol werden ausgeschüttet, der Herzschlag beschleunigt sich, die Atmung wird flacher und die Muskeln spannen sich an – der berühmte "Fight or Flight"-Modus ist aktiviert. All das geschieht, bevor wir überhaupt bewusst über die Situation nachdenken können.

Diese körperliche Reaktion war für unsere Vorfahren überlebenswichtig. In der modernen Reitbahn jedoch kann sie kontraproduktiv sein, denn ein angespannter Reiter überträgt seine Anspannung direkt auf das Pferd.

Die häufigsten Auslöser für Angst beim Reiten sind:

  • Ein zurückliegender Sturz oder Unfall: Besonders traumatische Erlebnisse hinterlassen tiefe Spuren im emotionalen Gedächtnis
  • Negative Erfahrungen mit unberechenbaren Pferden: Selbst wenn du nie gestürzt bist, können Situationen, in denen du die Kontrolle verloren hast, Angst auslösen
  • Mangelndes Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten: Oft unterschätzen wir, was wir bereits können
  • Das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren: In unserer durchorganisierten Welt ist das Reiten einer der wenigen Bereiche, in denen wir mit einem Lebewesen interagieren, das eigene Entscheidungen treffen kann
  • Druck von außen: Trainer, Stallkollegen, eigene Erwartungen – all das kann Versagensängste verstärken
  • Verantwortung für ein anderes Lebewesen: Das Bewusstsein, dass deine Handlungen direkte Auswirkungen auf dein Pferd haben
  • Perfektionismus: Der Wunsch, alles richtig zu machen, kann lähmend wirken

Es ist wichtig zu verstehen: Angst beim Reiten ist kein Zeichen von Schwäche. Sie ist eine natürliche Reaktion unseres Körpers, die uns schützen soll. Doch wenn diese Angst überhand nimmt, raubt sie uns die Freude am Reitsport.

Dass dein Pferd deine Anspannung bemerkt, hat übrigens nichts mit Esoterik zu tun, sondern mit Sinnesleistungen. Mentaltrainerin Regina Horn-Karla, die seit 1999 Führungskräfte und Reiter coacht, fasst die drei Wege zusammen: Pferde riechen besser als Hunde, also auch deinen Angstschweiß. Sie hören bis in den Ultraschallbereich und nehmen damit Veränderungen deines Herzschlags wahr. Und sie sehen ausgesprochen gut – Studien an frei lebenden Pferden zeigen, dass sie auf rund 50 Meter Entfernung unterscheiden können, ob ein Raubtier nur vorbeigeht oder angreifen will.

Das erklärt, warum dein Pferd an manchen Tagen entspannt auf dich zukommt und sich an anderen schon auf der Koppel wegdreht. Und es hat eine Konsequenz für das Training: Es bringt nichts, Selbstsicherheit zu spielen. Du musst innerlich ansetzen, nicht an der Körpersprache.

Angst beim Reiten kann unterschiedliche Symptome hervorrufen.

Wie sich Angst beim Reiten äußert

"Eigentlich habe ich gar keine Angst", ist ein häufiger Satz von Reitern, die dann aber im nächsten Atemzug von körperlichen Symptomen berichten, die eindeutig auf Angst hindeuten. Vielleicht erkennst du dich in einigen dieser Anzeichen wieder:

  • Körperliche Symptome:
    • Anspannung im Körper, besonders in Schultern und Armen
    • Flacher, schneller Atem oder Anhalten des Atems
    • "Klammernde" Schenkel oder verkrampfte Hände
    • Schweißausbrüche oder Herzrasen
    • Zittern oder ein Gefühl von Schwäche in den Beinen
    • Ein "Knoten" im Magen oder Übelkeit
    • Verspannter Kiefer oder zusammengebissene Zähne
  • Verhaltenssymptome:
    • Ständiges Reden während des Reitens (Ablenkung)
    • Ausreden finden, um nicht reiten zu müssen
    • Übermäßiges Kontrollieren des Equipments
    • Vermeiden bestimmter Situationen (z.B. Außenplatz, Ausreiten)
    • Kürzer werden der Zügel bei Unsicherheit
    • Überfürsorglichkeit gegenüber dem Pferd ("Ich will ihm nicht wehtun")
    • Zu häufiges Abbrechen von Übungen ("Das reicht für heute")
  • Gedankliche Symptome:
    • Katastrophendenken ("Was wäre, wenn ich stürze und niemand mich findet?")
    • Negative Selbstgespräche ("Ich kann das nicht", "Ich bin zu schlecht")
    • Überfokussierung auf potenzielle Gefahren
    • Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren
    • Gedankenrasen oder Gedankenleere

Einige Reiter beschreiben ihr Erleben so: "Es ist, als ob mein Kopf plötzlich mit tausend 'Was-wäre-wenn'-Szenarien geflutet wird, während mein Körper komplett einfriert. Ich weiß genau, was ich tun sollte, aber es ist, als ob die Verbindung zwischen Gehirn und Körper unterbrochen ist."

Diese körperlichen und mentalen Reaktionen werden leider direkt von deinem Pferd wahrgenommen. Ein Pferd, das spürt, dass sein Reiter angespannt ist, wird selbst unsicher – ein Teufelskreis entsteht. Pferde sind Meister darin, unsere emotionalen Zustände zu lesen. Sie nehmen die kleinsten Veränderungen in unserer Körperspannung, unserem Atem und sogar unseren Herzschlag wahr – lange bevor wir uns selbst unserer Angst bewusst werden.

Dein Stresslevel entscheidet, bevor du überhaupt aufsteigst

Eine Beobachtung, die viele Reiter aus dem Alltag kennen: Dieselbe Situation, dasselbe Pferd, dieselbe Halle – und an einem Tag ist alles entspannt, am nächsten reicht ein Windstoß und du sitzt wie versteinert im Sattel. Der Unterschied liegt selten am Pferd. Er liegt darin, mit welchem Stresslevel du überhaupt am Stall angekommen bist.

Stell dir eine Skala von 0 bis 10 vor:

  • 0 bis 5, grüner Bereich: Dein Stresslevel schwankt im Tagesverlauf, das ist völlig normal und gesund. Hier hast du gute Körperkontrolle, eine ruhige Atmung, du kannst reagieren, und dein inneres Alarmsystem springt nicht auf jede Kleinigkeit an. Aus Sicht deines Pferdes bist du in diesem Bereich kompetent.
  • Ab 5 bis 6, rote Zone: Jetzt hast du keinen vollen Zugriff mehr auf deine Fähigkeiten. Die Muskulatur ist schlechter ansprechbar, das Gedankenkarussell dreht in die falsche Richtung, und die störenden Gefühle werden lauter. Und es wird nicht besser, je länger du weitermachst, solange du dich nicht um die Stressregulation kümmerst.

Das erklärt auch die Schockstarre, von der viele Reiter berichten. Wer mit einer 7 aufsteigt, braucht nur noch ein Zucken mit dem Ohr als nächsten Impuls und ist handlungsunfähig. Nicht weil er ein schlechter Reiter wäre, sondern weil der Puffer schon vorher aufgebraucht war.

Die praktische Konsequenz ist unspektakulär, aber wirksam: Prüfe deinen Stresslevel nicht erst im Sattel, sondern schon auf dem Weg zum Stall. Merk dir die magische Fünf. Bist du bei 3 oder 4, kümmerst du dich erst um dich, bevor du ans oder aufs Pferd gehst.

Stressimpulse selbst lassen sich nicht vermeiden, die gehören zu diesem Hobby dazu. Aber wenn du bei einer 3 startest statt bei einer 6, kommt derselbe Impuls – und du bleibst handlungsfähig. Und dein Stresslevel muss nicht einmal vom Stall kommen: Die meisten von uns haben ein Leben neben dem Reitstall, und das bringen wir mit.

Wirksame Strategien, um Angst beim Reiten zu überwinden

1. Akzeptiere deine Angst

Der erste Schritt zur Überwindung deiner Angst ist, sie anzunehmen. Hör auf damit, dich für deine Furcht zu schämen oder sie zu verdrängen. Sage dir: "Ja, ich habe Angst, und das ist in Ordnung." Diese Akzeptanz nimmt der Angst bereits einen Teil ihrer Macht.

Ein Trick, der manchmal hilft: Gib deiner Angst einen Namen. So absurd es klingt – wenn du deine Angst "Gertrude" oder "Herbert" nennst, kannst du sie leichter als etwas Externes wahrnehmen und nicht als Teil deiner Identität. "Ach, da meldet sich Herbert wieder mit seinen Katastrophenszenarien..."

Dahinter steckt ein Perspektivwechsel, der vielen hilft: Angst ist kein Störenfried, den du loswerden musst, sondern eher ein Leibwächter. Er will auf dich aufpassen. Das Ziel ist deshalb nicht, ihn abzuschaffen, sondern ihm eine angemessene Lautstärke zuzuweisen. Er darf dich kurz erinnern, dass es gefährlich werden könnte. Er darf dich nicht vereinnahmen, blockieren oder ausbremsen.

2. Analysiere die Ursachen

Frage dich ehrlich: Wovor genau hast du Angst? Vor einem Sturz? Davor, die Kontrolle zu verlieren? Oder ist es die Sorge, vor anderen zu versagen? Je genauer du deine Ängste benennen kannst, desto gezielter kannst du sie angehen.

Eine Übung, die dir dabei helfen kann: Nimm dir ein Blatt Papier und schreibe oben "Meine Ängste beim Reiten". Darunter schreibst du alles, was dir einfällt – ohne zu zensieren oder zu bewerten. In einer zweiten Spalte notierst du dann zu jeder Angst, wie wahrscheinlich es ist, dass sie eintritt (von 1-10), und in einer dritten Spalte, wie gut du mit den Konsequenzen umgehen könntest, falls sie doch eintritt (ebenfalls von 1-10). Die Erfahrung zeigt: diese Übung bringt oft überraschende Erkenntnisse.

3. Arbeite an deinen reiterlichen Fähigkeiten

Nichts gibt mehr Sicherheit als das Wissen, dass du technisch gut vorbereitet bist. Investiere in qualifizierten Unterricht bei einem einfühlsamen Trainer, der deine Ängste ernst nimmt. Übe besonders die Situationen, die dir Unbehagen bereiten – aber in einem sicheren Rahmen.

Besonders hilfreich können sein:

  • Sitzschulung am Reitsimulator oder Holzpferd: Hier kannst du ohne Angst vor einem Sturz an deinem Sitz arbeiten. Wie ein Reitsimulator genau funktioniert, erklären wir dir in unserem Artikel. 
  • Gleichgewichtsübungen neben dem Reiten: Yoga, Pilates oder spezielle Balance-Boards stärken dein Körpergefühl
  • Falltraining: In speziellen Kursen lernst du, wie du bei einem Sturz Verletzungen vermeiden kannst. Der eigentliche Effekt ist aber ein mentaler, vergleichbar mit einem Selbstverteidigungskurs. Danach freust du dich nicht auf den Sturz, aber du fühlst dich nicht mehr ausgeliefert. Und genau dieses Ausgeliefertsein ist bei Reitern oft der Kern der Angst. Wer schon einen schmerzhaften Unfall hatte, muss sein Gehirn davon überzeugen, dass Runterfallen auch glimpflich ausgehen kann.
  • Notfallübungen: Das Üben von Notfallsituationen (z.B. Steigbügel verlieren) unter kontrollierten Bedingungen

In unserem wehorse-Podcast spricht Moni Elbers über die Vorteile von Reitsimulatoren im Training.
Hier geht's zur Podcastfolge.

4. Wähle das richtige Pferd

Nicht jedes Pferd ist für einen ängstlichen Reiter geeignet. Ein erfahrenes, geduldiges und ausgeglichenes Pferd kann dir helfen, dein Selbstvertrauen wiederaufzubauen. Es gibt nichts Falsches daran, vorübergehend auf ein "braves" Schulpferd umzusteigen, auch wenn du eigentlich schon weiter bist.

Was macht ein gutes "Therapiepferd" für deine Angst beim Reiten aus?

  • Gelassenheit auch in unerwarteten Situationen
  • Sensibilität für die Bedürfnisse des Reiters
  • Vergebungsbereitschaft bei Reiterfehlern
  • Gleichmäßige, berechenbare Bewegungen
  • Freiheit von eigenen Angstproblemen

Ein Punkt, der dabei oft untergeht: Manchmal ist die Angst schlicht berechtigt, und dann ist mentales Training das falsche Werkzeug. Wenn ein junges Pferd im Winter fünf Monate lang nur in die Führanlage, an die Longe oder unter den Sattel kommt, ist Anspannung keine Blockade, sondern eine angemessene Reaktion auf eine Haltung, die die Bedürfnisse des Pferdes nicht deckt. Bevor du an deinem Kopf arbeitest, lohnt deshalb die ehrliche Frage, ob die Rahmenbedingungen stimmen.

5. Atemtechniken und Entspannungsübungen

Unsere Atmung hat einen enormen Einfluss auf unseren Körper und Geist. Bewusstes, tiefes Atmen kann Angstreaktionen innerhalb von Sekunden reduzieren:

  • Atme tief in den Bauch ein (zähle bis 4)
  • Halte kurz den Atem an (zähle bis 2)
  • Atme langsam aus (zähle bis 6)
  • Wiederhole dies mehrmals

Diese Technik kannst du jederzeit anwenden – vor dem Reiten, während des Sattels oder sogar im Sattel, wenn du merkst, dass die Angst aufsteigt.

Ein Detail macht dabei den Unterschied: Leg den Fokus auf das Ausatmen, nicht auf das Einatmen. "Atme weiter" hört man oft, und die meisten tun das auch – aber in einer flachen Schnappatmung, die den Stress eher hält als löst. Das längere Ausatmen ist der Teil, der das System herunterfährt.

Eine weitere wirksame Methode ist die progressive Muskelentspannung nach Jacobson. Dabei spannst du nacheinander verschiedene Muskelgruppen für etwa 5-7 Sekunden an und entspannst sie dann bewusst. Diese Technik kannst du vor dem Reiten anwenden, um deinen gesamten Körper zu entspannen.

6. Visualisierung und mentales Training

Stelle dir vor dem Reiten einen gelungenen Ritt vor. Visualisiere, wie du entspannt und selbstbewusst im Sattel sitzt, wie harmonisch ihr euch gemeinsam bewegt, wie ruhig dein Pferd auf deine Hilfen reagiert. Das ist keine Spielerei, sondern nutzt eine Eigenschaft deines Gehirns: In Stressmomenten kann es ein Bild sehr viel schneller aufrufen und in den Körper übersetzen als einen logischen Gedanken.

Regina Horn-Karla bringt es auf eine einfache Formel: Dein inneres Bild ist für deinen Körper wie ein Auftrag. Was du ihm oft genug zeigst, das glaubt dein Gehirn.

Das Problem ist, dass die meisten von uns den falschen Film schauen. Wir kennen alle das Kopfkino, in dem das Pferd scheut und etwas Schlimmes passiert – und dann lassen wir genau diesen Film in aller Ausführlichkeit durchlaufen. Der Körper reagiert darauf, als würde es tatsächlich geschehen.

Die Alternative in drei Schritten:

  1. Stopptaste drücken, sobald die schlimme Szene beginnt. Dass du überhaupt bemerkst, wie das Kopfkino anspringt, ist schon der erste Erfolg.
  2. Den zweiten Teil drehen: Wie würde der Film aussehen, wenn du genau richtig handelst?
  3. Starttaste drücken und diese Version bewusst in Zeitlupe durchlaufen lassen.

Zwei Bilder, die sich in der Praxis besonders bewährt haben:

  • Zeitlupe für Übergänge. Wenn du zu stark in den Galopp treibst oder schlecht durchparierst, denk beim nächsten Mal: Jetzt galoppiere ich in Zeitlupe an. Allein diese Vorstellung macht den Übergang runder. Dein Kopf setzt das leichter um, als wenn du gleichzeitig an alle methodischen Hilfestellungen denken musst.
  • Symbole statt Text für Prüfungen. Geschriebene Wörter und schwarze Linien im Aufgabenheft kann dein Gehirn unter Stress kaum halten, eindeutige Symbole schon. Eine Reiterin malt sich seit Jahren eine Uhr in die ausgedruckte Aufgabe, wenn eine Wendung rechts herum geht, und eine nach links gebogene Banane für links herum. Drei bis vier solcher Bilder reichen, mehr echte Knackpunkte hat eine Aufgabe meist nicht. Wichtig ist nur, für dieselbe Sache immer dasselbe Bild zu nehmen.

Entscheidend ist die Wiederholung. Mentales Training funktioniert wie Muskeltraining: Zwei bis drei Wochen konstantes Üben, dann stellt sich eine spürbare Veränderung ein. Und dein Gehirn akzeptiert dabei die mentale Wiederholung. Du musst nicht jede Situation real durchleben, um neue Reflexe anzulegen.

Eine realistische Erwartung gehört allerdings dazu: Mentaltraining kann eine Erinnerung nicht löschen, sondern nur überschreiben. Nach einem Unfall brauchst du viele positive Gegenbeweise, bis dein Unterbewusstsein wieder glaubt, dass es auch gut ausgehen kann. Dass die alte Erinnerung zwischendurch hochkommt, ist normal und kein Rückschlag.

Kleine Ziele statt "Augen zu und durch"

Der häufigste Rat an ängstliche Reiter lautet, sich zu überwinden und da jetzt durchzugehen. Bei einer echten Blockade ist das genau der falsche Weg.

Der Grund liegt in dem, was dein System dabei lernt. Wenn du mit einem Puls von 180 in die Situation gehst, hältst du das vielleicht ein paar Meter durch, bis es so stressig wird, dass du abbrichst. Zurück bleibt das Gefühl gescheitert zu sein – und dein Gehirn hat gelernt, dass Abbrechen die richtige Strategie war. Ein Lerneffekt in die gewünschte Richtung entsteht so nicht.

Die Gegenstrategie heißt: kleine Ziele für kleine Erfolge. Dein Gehirn ist süchtig nach Erfolg, und es zählt nicht die Größe des Schritts, sondern dass er gelingt.

Beispiel: Angst vor dem Ausreiten

Ein Ausritt beginnt im Kopf. Ab einer bestimmten Stelle sagt dein Gehirn: Jetzt startet der Ausritt. Meist ist genau das auch die Schwelle, an der die Angst einsetzt. Diese Stelle zu finden, ist der erste Schritt.

Der Aufbau sieht dann so aus:

  1. Eine ganz normale Reiteinheit auf dem Platz oder in der Halle, 30 bis 40 Minuten, mit gutem Gefühl.
  2. Danach ausreiten – aber maximal fünf bis sechs Meter über die Schwelle.
  3. Absteigen, das Pferd loben, sich freuen, Feierabend.
  4. Das so lange wiederholen, bis es dir langweilig wird und du von selbst denkst: Zehn Meter sind heute wirklich kein Ding.
  5. Erst wenn dein Puls beim Überschreiten der Schwelle nicht mehr hochgeht, erweiterst du die Runde. Vorher nicht.

Der übliche Einwand lautet: Dann dauert es ja Jahre, bis ich zwei Kilometer reiten kann. Die Erfahrung spricht dagegen. Der Zeitaufwand liegt am Anfang. Ist der auslösende Stressimpuls einmal abgearbeitet, ist der Rest meist gut zu bewältigen.

Finde deinen tatsächlichen Triggerpunkt

Wichtig ist, ehrlich zu suchen, wo der Stress wirklich beginnt – nicht, wo er logischerweise beginnen sollte. Bei manchen Reitern liegt der Punkt viel früher als gedacht. Wenn dein Puls schon hochgeht, während das Pferd am Anbindeplatz steht und du die Reitkappe aufsetzt, dann ist das dein Ansatzpunkt. Dann setz die Reitkappe eine Zeit lang oft auf und reite nicht: mach Bodenarbeit, geh spazieren. Ist dieser Trigger überschrieben, geht die nächste Stufe deutlich leichter.

Bleib dabei in einer sicheren Zone und sammle bewusst nur gute Erfahrungen. Das mag nach Komfortzone klingen, ist aber genau das, was dein Gehirn braucht, um Selbstvertrauen wieder aufzubauen. Und sei geduldig mit dir. Der Schritt kann gar nicht klein genug sein.

Gedankenstopp: die schnellste Technik gegen Kopfkino

Dein Gehirn kann sich nicht auf zwei Dinge gleichzeitig konzentrieren. Auf diesem Prinzip beruht die schnellste Soforttechnik gegen negatives Kopfkino.

Den Effekt kennst du vermutlich: Denke jetzt bitte nicht an einen rosaroten Elefanten. Es funktioniert nicht. Genau das versuchen wir beim Reiten aber ständig, wenn wir uns vornehmen, nicht an den Sturz zu denken. Sage ich dir dagegen, du sollst an ein vierblättriges Kleeblatt denken, ist der Elefant weg.

Statt gegen den Gedanken anzukämpfen, gibst du deinem Kopf also eine andere Aufgabe:

  • Such das schönste Blau in deiner Umgebung. Nicht irgendein Blau, das schönste. Die Bewertung ist der Teil, der die Aufmerksamkeit wirklich bindet.
  • Rechne im Kopf. Das Einmaleins reicht. Je schlechter du darin bist, desto zuverlässiger lenkt es ab.
  • Leg dir eine Zettelbox in den Spind. Auf jedem Zettel steht eine Aufgabe. Vor dem Losreiten steckst du dir zwei ein, einen in jede Hosentasche. Geht das Kopfkino los, greifst du in die Tasche und erfüllst den Auftrag.
  • Ruf ein starkes inneres Bild auf: deinen schönsten Ritt, deinen Lieblingsurlaubsort. Solche Bilder gehen unmittelbar in die Muskulatur über.

Erfahrungsgemäß braucht dein Gehirn nur drei bis vier solcher Stopps, bis es den negativen Gedanken langfristig loslässt. Es ist ein Energiesparer: Etwas immer wieder aufzugreifen, das ohnehin nicht weiterverfolgt werden darf, ist ihm auf Dauer zu aufwendig.

Der zweite Schritt: Welches Gefühl brauchst du stattdessen?

Den Gedanken zu stoppen, ist die halbe Arbeit. Danach kommt die Frage, was an seine Stelle treten soll – Gelassenheit, Sicherheit, Selbstvertrauen?

Dahinter steckt eine Einsicht, die vielen Reitern neu ist: Ein Gefühl ist zunächst nur ein Vorschlag deines Gehirns, keine Tatsache. Dein Gehirn schlägt vor: Wie wäre es jetzt mit Angst? Und wir nehmen diesen Vorschlag meist ungeprüft an, weil Angst in der Evolutionsgeschichte fast immer die richtige Antwort war. Zu heutigen Situationen passt das oft nicht mehr. Du darfst also bewusst entscheiden: Will ich dieses Gefühl gerade? Ist es begründet?

Wie du über die Situation sprichst, verändert sie

Ein Beispiel aus der Coaching-Praxis: Eine Reiterin muss auf jedem Ausritt eine Straße überqueren und hatte den Satz verinnerlicht "Mit Pferd im Straßenverkehr ist es immer gefährlich". Wiederhole diesen Satz einmal für dich und spür nach – bei vielen wird der Kiefer fest oder der Nacken steif.

Erarbeitet wurde daraus: "Mit Pferd im Straßenverkehr bin ich immer besonders aufmerksam."

Das ist bewusst nicht das Gegenteil. "Im Straßenverkehr ist alles harmlos" wäre gefährlicher Unsinn, denn die Aufmerksamkeit brauchst du wirklich. Aber zwischen Gefahr und Aufmerksamkeit liegt für dein Gehirn ein großer Unterschied: Beim Wort Gefahr fährt es Adrenalin und Cortisol hoch. Bei Aufmerksamkeit passiert das nicht, es macht dich nur fokussierter und oft sogar sicherer. Der Test ist einfach: Lass zu beiden Sätzen den Film laufen. Beim ersten passiert immer etwas Schlimmes. Beim zweiten siehst du dich, wie du alles im Blick hast, dein Pferd souverän führst – und dir fallen Lösungen ein statt Horrorszenarien.

Professionelle Hilfe bei hartnäckiger Reitangst

Manchmal reichen Selbsthilfemaßnahmen nicht aus. Wenn deine Angst so stark ist, dass sie deine Lebensqualität beeinträchtigt, ist es völlig in Ordnung, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen:

  • Spezielle Reitangst-Kurse werden mittlerweile bundesweit angeboten und kombinieren psychologische Methoden mit reiterlichem Training
  • Spezialisierte Mentaltrainer mit Erfahrung im Reitsport können dir helfen, blockierende Glaubenssätze zu überwinden
  • Entspannungstechniken wie Progressive Muskelentspannung oder EMDR können traumatische Erfahrungen mit Pferden neu verarbeiten

Und noch ein Gedanke dazu: Du musst nicht warten, bis die Angst groß ist. Mental gut aufgestellt zu sein, lohnt sich auch dann, wenn es dir gerade nur um mehr Leichtigkeit im Pferdealltag oder um bessere Leistung im Turniersport geht.

Wieso gibt es immer mehr Angstreiter?

Im Freizeitreiterbereich „wird die Angst immer salonfähiger und auch das Sprechen über die Angst“, sagt unsere Trainerin Sibylle Wiemer. Viele Reiter gehen offen damit um, was auch damit zusammenhängt, dass es immer mehr Reiter mit zu viel Respekt vor dem Reiten gibt. „Das liegt meiner Meinung nach daran, dass die Grundausbildung zu kurz und oberflächlich abläuft“, sagt die erfahrene Reitlehrerin und Diplom-Pädagogin. Ein typischer reiterlicher Lebenslauf, der zur Angst führe, sei ein solcher: Späteinsteigerin reitet nach wenigen Longenstunden in der Abteilung. Sie fühlt sich dort nicht wohl. Daher kauft sie früh ein eigenes Pferd – im Glauben, dass dies bestimmt schöner ist. Doch nach kurzer Zeit ist die frisch gebackene Pferdebesitzerin absolut überfordert. Dadurch bringt sie sich in heikle Situationen.

Dazu kommen zwei Lebensphasen, in denen Angst beim Reiten fast regelhaft zunimmt – und beide sind völlig normal. Nach einer Geburt ist im Unterbewusstsein verankert, dass jetzt Verantwortung besteht und uns nichts passieren darf, dazu kommt ein verändertes Körpergefühl. Und mit zunehmendem Alter weiß dein Unterbewusstsein schlicht, dass Knochen und Bänder schlechter heilen. In beiden Fällen versucht dein Gehirn, dich zu schützen. Es ist nur manchmal etwas zu laut für die tatsächliche Situation.

Wenn du dich in einer dieser Phasen wiederfindest, hilft weniger das Dagegenankämpfen als das Neudefinieren: Du bist nicht mehr deine Version mit 20 und nicht mehr die Version vor deinem Unfall. Das macht dich nicht zu einer schlechteren Reiterin. Es heißt nur, dass du dir Freiheit und Leichtigkeit in kleinen Schritten neu erarbeitest und die Dinge anders gestaltest als früher.

Schrittweise zurück zum Vertrauen: Bodenarbeit als Brücke

Bevor wir zum Reiten zurückkehren, kann die Bodenarbeit mit dem Pferd eine wunderbare Brücke bauen. Am Boden fühlst du dich sicherer und kannst trotzdem die Verbindung zu deinem Partner wiederherstellen.

Besonders hilfreich sind:

  • Führübungen: Übe das Führen im Schritt, Halten und Rückwärtsrichten
  • Longieren: Beobachte die Bewegungen deines Pferdes aus sicherer Distanz
  • Freiarbeit: Erlebe, wie dein Pferd dir freiwillig folgt und Vertrauen aufbaut
  • Hindernisparcours: Führe dein Pferd über Stangen, um Planen oder durch enge Gassen

Dadurch kannst du dein Pferd und seine Reaktionen vom Boden aus beobachten und so diese auf das Reiten übertragen. Denn so lernst du, dein Pferd auch vom Sattel aus besser einzuschätzen. In unserem Kurs zur Bodenarbeit für Anfänger und Fortgeschrittene lernst du, wie du von der Basis bis zu hohen Lektionen dein Pferd vom Boden aus arbeiten kannst.

Gutes Equipment kann dir Sicherheit vermitteln, ein Reithelm sollte selbstverständlich sein. Zusätzlich können Sicherheitswesten helfen.

Die Rolle des richtigen Equipments

Manchmal kann das richtige Equipment dein Sicherheitsgefühl deutlich verbessern:

  • Sicherheitsweste: Diese kann nicht nur physischen Schutz bieten, sondern auch ein psychologisches Sicherheitsnetz sein
  • Reithelm mit neuester Sicherheitstechnologie: Ein gut sitzender, moderner Helm kann das Verletzungsrisiko bei Stürzen erheblich reduzieren
  • Sicherheitssteigbügel: Diese lösen sich im Notfall und verhindern, dass du mitgeschleift wirst
  • Haltegriffe: Ein Vorderzeug mit Griff oder ein Sattel mit verstärktem Vorderzwiesel kann anfangs mehr Sicherheit geben

Wie du mit plötzlichen Angstsituationen im Sattel umgehen kannst

Es gibt Momente, in denen die Angst plötzlich und unerwartet zuschlägt, während du bereits im Sattel sitzt. Vielleicht reagiert dein Pferd auf etwas Unvorhergesehenes, oder du findest dich in einer Situation wieder, die dich überfordert. Hier sind einige Sofortmaßnahmen:

  1. Atme bewusst: Sobald du Angstsymptome bemerkst, konzentriere dich auf deinen Atem. Ein tiefer Atemzug in den Bauch kann die Stressreaktion unterbrechen.
  2. Finde deinen Sitz: Spüre bewusst dein Becken im Sattel. Dieser Bodenkontakt gibt Sicherheit und hilft dir, dich zu zentrieren.
  3. Singe oder summe: So merkwürdig es klingt – singen verhindert, dass du den Atem anhältst, und lockert die Spannung im Körper.
  4. Parken und neu starten: Wenn möglich, halte an einem sicheren Ort an und sortiere deine Gedanken. Manchmal reichen 30 Sekunden bewusstes Atmen, um wieder Klarheit zu gewinnen.
  5. Die 5-4-3-2-1-Methode: Benenne 5 Dinge, die du siehst, 4 Dinge, die du fühlst (physisch), 3 Dinge, die du hörst, 2 Dinge, die du riechst und 1 Ding, das du schmeckst. Diese Technik bringt dich zurück ins Hier und Jetzt.

Ein Punkt, der oft übersehen wird, ist dein Blick. Sobald du etwas anstarrst, verändert sich automatisch deine Atmung, du wirst kurzatmig oder hältst die Luft an – und das legt sich unmittelbar auf deine Muskulatur. Nimm das Objekt also wahr, aber lass den Blick weich.

Absteigen ist keine Schande

Viele Reiter tragen den Satz mit sich herum, dass man da jetzt durch muss. Hilfreicher ist eine andere Leitfrage: Kann ich von hier oben ein souveräner Begleiter für mein Pferd sein und ihm helfen, diese Situation gut oder wenigstens neutral zu überstehen?

Wenn die Antwort Nein lautet – egal ob du dich nicht traust, körperlich eingeschränkt bist oder deine Gefühle dich gerade blockieren – dann steig ab. Atme durch, manage die Situation vom Boden und steig wieder auf, wenn es sich gut anfühlt. Ob in der Halle oder im Gelände, macht dabei keinen Unterschied.

Die Begründung ist einfach: Du musst für dein Pferd das beste Vorbild sein. Kannst du das vom Sattel aus gerade nicht, tust du es vom Boden aus. Deinem Pferd ist es egal, aus welcher Position du souverän bist. Und wenn du dir in diesem Moment selbst nicht vertrauen kannst, kannst du das schlecht von deinem Pferd erwarten. Wer das konsequent so lebt, stellt fest, dass das Selbstvertrauen von beiden wächst – denn das Pferd lernt dabei ebenfalls.

Angst beim Reiten von Kindern

Als Elternteil oder Reitlehrer bist du vielleicht auch mit der Angst von Kindern konfrontiert. Hier gelten besondere Regeln:

  • Niemals zwingen: Ein Kind, das Angst hat, zum Reiten zu zwingen, kann traumatische Erfahrungen verursachen
  • Alternativen anbieten: Vielleicht möchte das Kind heute nur vom Boden aus mit dem Pony arbeiten?
  • Vorbilder schaffen: Kinder lernen durch Beobachtung. Zeige ihnen, wie du selbst mit Unsicherheit umgehst
  • Erfolge feiern: Auch kleine Mutproben verdienen große Anerkennung
  • Ohne Zeitdruck: Lass das Kind sein eigenes Tempo finden

Drei Tipps von Sibylle Wiemer mit der Angst umzugehen

Sibylle Wiemer ist eine bekannte Trainerin, die vor allem Sitzschulung und mentale Herausforderungen beim Reiten angeht.

  1. Love it
    • Die Angst wird als bequeme Ausrede akzeptiert.
    • Beispiel: „Ich habe Angst, ich reite nicht schneller“ – anstatt einzugestehen, dass einem z. B. die Kontrolle im Galopp fehlt.
    • Man bleibt in der Komfortzone und vermeidet anstrengendes Training oder Weiterentwicklung.
  2. Change it
    • Die Angst wird aktiv angegangen und verändert.
    • Das erfordert Mut und den Willen, sich weiterzuentwickeln.
    • Oft verbunden mit intensiverem Techniktraining und Unterricht.
  3. Leave it
    • Der bewusste Entschluss, mit dem Reiten ganz aufzuhören.
    • Eine klare Entscheidung, wenn die Angst überwiegt und keine Veränderung angestrebt wird.

Die positive Seite der Angst – ja, die gibt es wirklich!

Angst wird oft als etwas rein Negatives betrachtet, dabei hat sie auch positive Aspekte:

  • Angst schärft deine Sinne: Ein gewisses Maß an Anspannung kann deine Reaktionsfähigkeit verbessern
  • Angst lässt dich vorsichtiger handeln: Oft verhindert sie, dass wir uns in gefährliche Situationen begeben
  • Angst ist ein Lehrer: Sie zeigt dir Bereiche, in denen du noch wachsen kannst
  • Angst fördert Demut: Im Umgang mit Pferden ist ein gesunder Respekt unerlässlich

Furchtlos zu sein bedeutet nicht, der beste Reiter zu sein. Die Angst zu akzeptieren und in etwas Konstruktives umzuwandeln, ist viel mehr wert.

Wichtig ist dabei nur, Mut nicht mit Leichtsinn zu verwechseln. Mut heißt, dass du kompetent bist in dem, was du tust: Du kennst die Risiken, und du kennst deine Möglichkeiten.

Julia Mestern ist in der Vielseitigkeit zuhause. In unserem Podcast spricht sie über den Unterschied von Angst und Respekt im Sattel.

Fazit: Angst ist Teil des Reitens, aber sie muss nicht dein Reiten bestimmen

Reitangst gehört zum Reitsport wie der Sattel zum Pferd. Selbst Profis kennen Momente der Unsicherheit. Der Unterschied liegt nicht darin, ob wir Angst haben, sondern wie wir mit ihr umgehen.

Mit Geduld, dem richtigen Unterstützungssystem und kontinuierlicher Arbeit an deinen mentalen und reiterlichen Fähigkeiten kannst du lernen, deine Angst zu managen. 

Auf deinem Weg zur Überwindung der Reitangst wirst du nicht nur als Reiter wachsen, sondern auch als Mensch. Die Fähigkeit, Angst zu überwinden und trotzdem weiterzumachen, ist eine Lektion, die weit über den Reitplatz hinausreicht.

Denk immer daran: Jeder Reiter, der nach einem Sturz wieder aufgestiegen ist, hat seine Angst überwunden. Du kannst das auch schaffen. 

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