Muskelaufbau Pferd Hangbahn

Hangbahntraining mit dem Pferd: Das bewirkt es

Wer die Rückenmuskulatur des Pferdes trainieren will, der sollte bergauf und bergab reiten! Hört man häufig. Das machen auch die Großen, Ingrid Klimke zum Beispiel geht regelmäßig am Berg galoppieren. Und der legendäre Pferdekenner Kurd Albrecht von Ziegner, der 2016 gestorben ist, schwor auf sein Dressurtraining an der Hangbahn.

Inhalt

  1. Was macht das Reiten auf unebenem Boden so wertvoll?
  2. So erhöht man die Trittsicherheit beim Hangbahntraining
  3. Was bewirkt Bergaufreiten?
  4. Was bewirkt Bergabreiten?
  5. Das Pferd nicht überanstrengen
  6. Wann gilt ein Pferd als trainiert?
  7. Warum das Hangbahntraining mit dem Pferd Losgelassenheit und Gleichgewicht fördert

Was jedoch genau macht das Reiten auf unebenem Boden so wertvoll?

In seinem Lehrfilm zum Hangbahntraining erklärt Kurd Albrecht von Ziegner den Nutzen aus Sicht des Reitausbilders: „Das Pferd muss ständig bei dieser Arbeit seinen Schwerpunkt wechseln“, sagt er. Dabei geht er von einem Gelände mit zehn bis 15 Prozent Steigung aus. Dass der Schwerpunkt stetig wechselt, „ist der Sinn der Sache. Und der Schwerpunkt des Reiters wechselt ebenfalls. Die beiden sollen im gemeinsamen Gleichgewicht bleiben, die ganze Zeit.“

Gymnastizieren beim Ausreiten

Kurd Albrecht von Ziegner hat das Konzept des Hangbahntrainings selbst entwickelt. Er bevorzugte ein Waldstück, auf dem auch Bäume ins Training integriert werden können, um Volten um sie herum zu reiten. Auf der Hangbahn zu reiten „ist der Anfang der Versammlung!“, sagt er im Kurs, in dem er seine Vorgehensweise beim Hangbahntraining erklärt. „Das Pferd möchte selber im Gleichgewicht sein. Es gibt keine bessere Möglichkeit, schonend und zielstrebig an der Kondition zu arbeiten, wie an einer Hangbahn! Das Pferd muss immer bergauf-bergab, bergauf-bergab, die Muskeln dehnen sich und ziehen sich wieder zusammen.“

Pferd Hangbahntraining beim bergaufreiten

Muskelaufbau für die Hinterhand durch Hangbahntraining

Landläufig weiß jeder Reiter: „Berge hochreiten macht Muskeln!“ Doch welche genau, und wie soll so ein Training aussehen? „Durch das Bergauf- und Bergabreiten wechselt man ständig zwischen Schub- und Tragkraft, das ist ein gutes Training für die Hinterhand“, erklärt Dressurausbilderin und Osteo-Concept-Coach Claudia Butry. „Außerdem ist Hangbahntraining ein optimales Propriozeptions-Training!“ Propriozeption meint die Wahrnehmung des eigenen Körpers und dessen Bewegung. „Die Propriorezepetoren werden durch die vielfältigen Fußungsreize optimal angesprochen.“ 

So erhöht man die Trittsicherheit durch das Hangbahntraining

Gemeint ist damit, was Vielseitigkeitsreiter unter Fußungsintelligenz verstehen, erklärt Claudia Butry: „Das Pferd soll in variantenreichen Situationen lernen, sich im Raum auszubalancieren. Das kann auf unterschiedlichen Untergründen, mit Rauf- und Runtergehen gut erarbeitet werden.“ Die Güte des Trainings auf der Hangbahn ist für sie klar: „Mit Hangbahntraining setzt man Reize für Muskeln, Sehnen und Bänder.“

Was bewirkt Bergaufreiten?

Ihre Kollegin Claudia Weingand, ebenfalls Osteo-Concept-Coach und Osteopathin für Pferde nach Welter-Böller, erklärt welche Muskeln das Bergauf- und Bergabreiten beim Pferd anspricht:

„Berauf und bergab im Wechsel zu reiten ist klug, da man dann ventrale und dorsale Muskelketten zusammen trainiert.“ Die dorsale Muskelkette umfasst alle Muskeln, welche die Wirbelsäule strecken. Die ventrale Muskelkette umfasst alle Muskeln, welche die Wirbelsäule beugen. Zur ventralen Muskelkette gehören zum Beispiel die Bauchmuskeln und diejenigen Muskeln, die unterhalb der Halswirbelsäule liegen. Muskeln einzeln anzusprechen geht nämlich so gut wie nie – Muskeln arbeiten immer in Gruppen oder Muskelketten.

Bergauf entspannen die Bauchmuskeln und die Beine schieben. „Beim Bergaufreiten habe ich eine verlängerte hintere Stützbeinphase, da das Pferd den Berg hochkommen muss“, erklärt die Osteopathin für Pferde. „Ich habe mehr Aktivität der Rückenstrecker-Kette. Die Kruppe wird flacher, es geht in Richtung Schub und Vorwärts.“ Merke: Bergaufreiten ist ein Training für die Schubkraft des Pferdes.

Ingrid Klimke beim Hangbahntraining mit ihrem Pferd

Was bewirkt Bergabreiten? 

„Wenn ich korrekt bergab reite, ist die ventrale Muskelkette aktiv“, erklärt Claudia Weingand. „Das Pferd kippt das Becken ab. Das passiert, weil die wichtigsten Bauchmuskeln an einer Sehne am Schambein ansetzen. Spannt das Pferd diese Muskulatur an, wird das Becken abgekippt. Die Hinterhand trainiert man bergab in Richtung Tragkraft“, erklärt sie.

„Bergabreiten ist immer ein Training in Richtung Versammlung“, sagt Claudia Weingand und unterstützt damit aus osteopathischer Sicht die Aussage im Lehrfilm von Kurd Albrecht von Ziegner, das Hangbahntraining das Pferd ganz natürlich an die Versammlung heranführt. Merke: Korrektes Bergabreiten ist ein Training der Bauchmuskulatur des Pferdes, der gesamten ventralen Muskelkette sowie ein Tragkrafttraining für die Hinterhand

Das Pferd nicht überanstrengen

Ganz wichtig zu beachten ist: Hangbahntraining ist wirklich anstrengend, „es ist nicht für untrainierte Pferde zu empfehlen!“, sagt Claudia Weingand. Wichtig beim Bergabreiten: Wenn das Pferd ermüdet und mit durchhängender Wirbelsäule den Berg herunter geht, dann kann es nicht mehr schön auffussen, nicht mehr das Becken abkippen, dann geht es in die Lendenwirbelsäule und der Schritt kann auch passiger werden.

Wenn Pferde jedoch es gewöhnt sind, jeden Tag bewegt und gearbeitet zu werden, spricht nichts dagegen, das Hangbahntraining regelmäßig einzubauen. „Aber bitte nicht jeden Tag 30 Minuten Hangbahntraining, das kann Strukturen überlasten. Das ist wirklich, wirklich anstrengend!“ sagt Claudia Weingand. Zwei Mal die Woche Hangbahntraining zu integrieren kann sehr sinnvoll sein, sagt die osteopathische Pferdetherapeutin nach Welter-Böller.

Wann gilt ein Pferd als trainiert an der Hangbahn?

Von einem trainierten Pferd würde sie ausgehen, wenn das Pferd kontinuierlich seit mehreren Monaten vier Mal die Woche regelmäßig in allen Gangarten gearbeitet wird „und danach nicht oder leicht über die arbeitende Muskulatur schwitzt.“ Zeichen für eine Überanstrengung beim Hangbahntraining sind folgende: „Wenn das Pferd beginnt zu stolpern, hinter dem Sattel den Rücken wegdrückt, bergab rennt oder extrem langsam wird.“

Das Stolpern oder Rücken wegdrücken kann aber auch an Reiterfehlern liegen, erklärt sie: „Es kann auch sein, dass Stolpern oder Rücken wegdrücken durch Sitzfehler des Reiters passieren. Wichtig ist, das Pferd auch bergab zu begleiten. Bitte nicht das Treiben komplett aufgeben! Sanftes, angemessenes Treiben mit dem Schenkel hilft dem Pferd, die Bauchmuskulatur zu aktivieren!“

Wie der Reitersitz auf der Hangbahn das Pferd optimal begleitet, kannst du dir in diesem Kurs mit Kurd Albrecht von Ziegner ansehen.

Extra: Warum das Hangbahntraining mit dem Pferd Losgelassenheit und Gleichgewicht fördert

Bei unserem Besuch und Dreh vor einigen Wochen bei Kurd Albrecht von Ziegner zog der Grandseigneur der vielseitigen klassischen Ausbildung irgendwann zwei Schriften auf gelbem Papier hervor. Die eine über die Losgelassenheit des Pferdes, und wie die Hangbahn diese fördert. Die andere eine Auseinandersetzung mit der Skala der Ausbildung. Geschrieben hat der nun 98-jährige Ausbilder beide Papiere in diesem Jahr eigenhändig. 

Hier ist der erste der beiden Fachartikel namens „Die Hangbahn – natürliches Hilfsmittel zur Förderung von Losgelassenheit und Gleichgewicht von Reiter und Pferd“ in vollem Umfang zu lesen. Er wählt klare Worte, und so endet diese Schrift mit dem markanten Aufruf: „Ich würde mir wünschen, wenn auch in unserer Reitersprache endlich die ‚Rollkur’ verschwindet und bestenfalls als ‚ZWANGSJACKE’ in schauerlicher Erinnerung bleibt.“

Im März 2016, Kurd Albrecht von Ziegner:

Die Hangbahn – Natürliches Hilfsmittel zur Förderung von Losgelassenheit und Gleichgewicht von Reiter und Pferd

Wer mit seinem Pferd immer im Gleichgewicht ist – sowohl geistig als auch körperlich – hat Freude am Reiten. Darüber hinaus aber liegt hier eine wesentliche, unverzichtbare Grundlage für den Erfolg im Sport. 

Um dieses Gleichgewicht zu erreichen und in allen Lagen zu erhalten, verfahren wir nach den „Überlieferten Grundsätzen“ für die Ausbildung von Reiter und Pferd, wie sie auch in den „Richtlinien“ der FN (Teil1) auf der Grundlage der H.Dv.12 vorgegeben sind. Jeder erfahrene Reiter kennt die mannigfaltigen Probleme, die im Laufe der Ausbildung auftreten können. Fast alle diese Probleme (wenn sie nicht klinischer Natur sind) haben ihren tieferen Grund in mangelnder Losgelassenheit. 

Solange Steifheiten oder Verspannungen jeglicher Art nicht beseitigt sind, gibt’s Nichts, kein Takt, keine Anlehnung, keine Durchlässigkeit, ganz zu schweigen von Geraderichtung, Schwung oder Versammlung. 

Also ist das erste Augenmerk auf die Losgelassenheit zu richten, wofür uns die Reitlehre ja vielerlei Möglichkeiten bereitstellt, die wir ja auch in der täglichen Ausbildungsarbeit praktizieren.

Um diese Arbeit abwechslungsreicher und dazu noch wirkungsvoller zu gestalten, haben wir in Mechtersen eine „Hangbahn“ eingerichtet, ein in der Reitlehre bisher noch nicht erwähnter Begriff, aber eine vorzügliche, wirkungsvolle und dabei schonende Ausbildungshilfe. 

Nicht zu verwechseln mit der „Wellenbahn“, ist dies ein Reitplatz auf leicht (etwa 10 Grad) abfallendem Gelände von unterschiedlichen Formationen, wo das Pferd – um im Gleichgewicht zu bleiben – ständig seinen Schwerpunkt den Geländeverhältnissen anpassen muss. Von selbst nimmt das Pferd beim Bergauf die gewünschte Dehnungshaltung ein und tritt beim Bergab mit der Hinterhand stützend unter den Schwerpunkt („Akkordeoneffekt“). Das Ausbildungsprinzip: „Mit Bedacht – vom Leichteren zum Schweren“ wird durch die Natur erleichtert. Beim stärkeren Gefälle wird man vorwiegend – sehr nutzbringend – im Schritt arbeiten. 

Erst wenn Reiter und Pferd in allen Lagen die Arbeit in wechselnden Schritt Tempi verstanden haben, wird mit der Arbeit im Trabe begonnen, und in gleicher Weise später mit dem Galopp. Die ungewohnte Arbeit strengt an, daher Maß halten! 

Der ständige Wechsel zwischen diesen Extremen, d.h. zwischen der Förderung an die Schubkraft und der Forderung an die Tragkraft der Hinterhand ist außergewöhnlich förderlich für Losgelassenheit und Balance sowei für den Aufbau der richtigen Muskulatur. Auch die wechselseitige Bewegung auf der Horizontalen des Hanges hat eine gymnastizierende Wirkung. 

Kleinere Baumstämme – bergauf oder bergab – fördern die Aufmerksamkeit und Trittsicherheit. Dem Reiter hilft dies zu lernen, optimal den Bewegungen des Pferdes zu folgen und dabei stets eine gleichmäßige, weiche Verbindung mit dem Pferdemaul zu unterhalten. 

Alle bekannten Hufschlagfiguren können entsprechend dem Ausbildungsstand beliebig angelegt werden. Das Gefälle hilft bei den versammelnden Lektionen. Der lichte Baumbestand lädt die Pferde ein, sich zu biegen und dadurch ihre Geschmeidigkeit zu fördern, halbe Paraden werden leichter verständlich und verbessern die Durchlässigkeit. 

Dressurreiten Kurd Albrecht von Ziegner
Pferd Springreiten

Selbstverständlich darf der Reiter für das Pferd keine Behinderung sein, sondern muss dazu angehalten werden, in allen Lagen seinen „Balancesitz“ mit dem sich ständig verändernden Schwerpunkt des Pferdes anzupassen. Unterschenkel, bei elastischem Fußgelenk, bleibt da wo er hingehört, immer im Lot. Hand und Pferdemaul sind eine Einheit!

Daher bietet die Hangbahn auch ein vorzügliches Mittel, Sitz und Einwirkung des Reiters mit dem Pferd in Einklang zu bringen. 

Es ist der gemeinsame Schwerpunkt, der über die Harmonie zwischen Reiter und Pferd zur Leistung führt. Dies gilt für alle Disziplinen im Reitsport, ganz besonders bei jungen und bei Korrekturpferden. Auch Reha-Maßnahmen bei schweren Schäden im Bewegungsmechanismus führten zu vollem Erfolg. 

Wir haben mit der Arbeit auf der Hangbahn Jahrzehnte lang gute, zum Teil erstaunliche Erfahrungen gemacht. Neben der Entwicklung von Losgelassenheit lassen sich Anlehnung und Durchlässigkeit sowie die weiteren Elemente der Skala leicht verbessern, ohne das Wohlbefinden des Pferdes anzutasten. 

Das gilt für Pferde aller Ausbildungsebenen, vorwiegend für junge Pferde, aber auch für Korrekturpferde, und  hier ganz besonders für jene armen Dressurpferde, die an die quälenden Arbeit in der Zwangsjacke (1)* – offiziell verharmlosend auch ‚Rollkur’ genannt – gewöhnt sind und oft gar nicht mehr wissen, wie schön das Leben sein kann. 

Die Pferde haben Freude an der Arbeit in der Natur und entwickeln im Verlauf Muskeln an der richtigen Stelle, der Rücken wird wieder elastisch – und Sehnen und Gelenke erfahren die notwendige Stabilität – unverzichtbar für Gesundheit, Kondition und Leistung. 

Anmerkungen: 
* Als ich in den achtziger Jahren meine Lehrtätigikeit in den USA aufnahm, war die Rollkur weit verbreitet als ein Erfolg versprechender „german way of dressage“. Dass ‚Rollkur’ jedoch ein Begriff aus der Medizin für Schwerstkranke war, und in Deutschland nur als Abschreckung für eine falsche Reitweise stand, wurde in den USA bald erkannt und folglich in die passende Bezeichnung „straightjacket“ verwandelt. 

Ich würde mir wünschen, wenn auch in unserer Reitersprache endlich die ‚Rollkur’ verschwindet und bestenfalls als ‚ZWANGSJACKE’ in schauerlicher Erinnerung bleibt. 

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