Selbsthaltung beim Pferd Uta Gräf

Was die Selbsthaltung des Pferdes mit dem Gleichgewicht zu tun hat

Der Begriff der Selbsthaltung des Pferdes wird in der Dressur häufig missverstanden. Er wird zum Beispiel falsch genutzt, um Pferde, die auseinandergefallen gehen, als korrekt darzustellen.

Im Folgenden findest du genaue Erklärungen von drei wehorse-Dressurausbilderinnen zu diesem Begriff. Und ebenso einen Blick in die Fachliteratur. Dazu haben wir sowohl die aktuellen Richtlinien der FN hinzugezogen, als auch ein klassisches Standardwerk. Wir beginnen ganz einfach, versprochen!

Der Begriff der Selbsthaltung wird falsch gebraucht, wenn Pferde nicht ans Gebiss ziehen, die Anlehnung so lose ist, dass keine Zügelverbindung mehr besteht. Schlackernder Zügel, Kopf und Hals in Arbeitshaltung, anscheinend nettes Seitenbild: Da heißt es gern – tolle Selbsthaltung. Aber das ist nur die halbe Wahrheit, wenn denn überhaupt.

Aber wie sieht eine korrekte Selbsthaltung denn aus? Was ist mit Selbsthaltung gemeint?

Inhalt

  1. Wie du eine korrekte Selbsthaltung beim Pferd erkennst
  2. Was bedeutet Selbsthaltung des Pferdes?
  3. Woran spürt der Reiter, dass das Pferd in Selbsthaltung geht?
  4. Womit wird Selbsthaltung oft verwechselt?
  5. Fehler in der Selbsthaltung des Pferdes
  6. Gibt es Selbsthaltung nur in Versammlung?
  7. Was tut der Reiter, wenn Selbsthaltung in der Dressur gefragt ist?
  8. Können junge Pferde in Selbsthaltung gehen?
  9. Was tue ich, wenn das Pferd auf den Zügel drückt?

Wie du eine korrekte Selbsthaltung beim Pferd erkennst

Es ist eigentlich simpel: Nehmen wir mal an, du trabst, dein Pferd geht in Arbeitshaltung. Hinterbein und Rücken arbeiten schön mit, das Pferd geht am Zügel, die Nasenlinie ist an der Senkrechten oder leicht davor. Es steht an deinen Hilfen. Wenn du jetzt deine Fäuste entlang des Mähnenkamms vorschiebst, ansonsten deine Hilfengebung aber nicht veränderst, sollte das Seitenbild erhalten bleiben. Wichtig: Du schiebst die Hände aus den Ellbogen heraus vor, damit sich dein Oberkörper ansonsten nicht verändert. Dein Pferd bleibt am Sitz, in dieser Arbeitshaltung, auch wenn du so für einige Tritte überstreichst, also die Zügelverbindung aufgibst.

Selbsthaltung Dressur Uta Gräf

Was bedeutet Selbsthaltung des Pferdes?

Dein Pferd trägt sich selbst. Der Rahmen verändert sich nicht, es fällt nicht auseinander. Geschummelt ist dies aber nur dann nicht, wenn du diesen Rahmen jederzeit verändern könntest. Das bedeutet: Die Kopf-Hals-Position ändern kannst, die Trittlänge verändern kannst, das Tempo verändern kannst. Wenn du dein Pferd zum Beispiel jederzeit in die Dehnungshaltung schicken kannst. Und es willig jederzeit an den Zügel herantritt.

Selbsthaltung und Gleichgewicht

„In der Selbsthaltung trägt sich das Pferd selbst und befindet sich im Gleichgewicht“, erklärt Dressurausbilderin Claudia Butry. Das Tempo verändert sich nicht, das Pferd stützt sich nicht auf die Hand. Anja Beran formuliert es in ihrem Buch „Klassische Reitkunst“ so: „Die Selbsthaltung ist ein sicherer Marker für ein gut gerittenes Pferd. Trägt es sich und benötigt nicht die Reiterhand als Stütze, sind das schon gute Voraussetzungen für ein sich im Gleichgewicht befindliches Pferd. Eine aktive Hinterhand und ein stabiler Rücken bilden die Voraussetzungen für eine korrekte Selbsthaltung.“ Wie du den Kraftbaufbau und damit die Selbsthaltung des Pferdes gut unterstützen kannst, erfährst du von wehorse Trainerin Uta Gräf in diesem Kurs.

Woran spürt der Reiter, dass das Pferd in Selbsthaltung geht?

„Das Pferd ist in der Lage das Tempo zu halten, es schwankt nicht und benötigt keine Stütze am Zügel. Die Bewegungen sind weich, fließend, rund und das Pferd ist an den Hilfen“, erklärt Claudia Butry. „Der Reiter spürt, dass die Verbindung zwischen Reiterhand und Pferdemaul leichter wird“, erklärt Dressurausbilderin Britta Schöffmann. „Der beste Weg, die Selbsthaltung zu überprüfen – und auch dazu einzuladen – ist das beidhändige Überstreichen für zwei bis drei Tritte beziehungsweise Sprünge.“ Das Pferd in Selbsthaltung ist in der Lage, seinen Kopf in der Position, in der es gerade gearbeitet wird und auch sein Gleichgewicht zu halten.

Selbsthaltung des Pferdes durch Zügel überstreichen überprüfen

Ein in Selbsthaltung gehendes Pferd verändert beim Überstreichen weder Halshaltung noch Rahmen oder Tempo, erklärt Britta Schöffmann. Das Überstreichen der Zügel funktioniert dabei laut den Richtlinien der FN so: Die Hand deutlich am Mähnenkamm entlang vorschieben, um das Gleichgewicht und die Selbsthaltung des Pferdes zu überprüfen und zu fördern. Zügel überstreichen soll zeigen, ob das Pferd sicher an den Gewichts- und Schenkelhilfen des Reiters steht und sich ausbalanciert, ohne sich auf die Reiterhand abzustützen, sich also selbst trägt. „Ein Pferd, das nicht in Selbsthaltung geht, kippt beim Überstreichen entweder nach unten ab, rollt sich weg, hebt sich heraus, schlägt mit dem Kopf, wird eiliger, fällt auf die Vorhand oder auseinander“, erklärt die Dressurausbilderin Britta Schöffmann. „Manche Reiter machen dann den Fehler, vorsichtshalber gar nicht erst überzustreichen, aus Angst, eine dieser Reaktionen könnte passieren. Doch das ist falsch. Selbst unerwünschte Reaktionen teilen dem Reiter sehr viel mit bezüglich seiner vorhergegangenen Arbeit und sind Anlass, sich selbst zu hinterfragen.“ Schau dir in diesem Video von Britta Schöffmann ab, wie du den Selbsthaltungs-Test richtig nachmachen kannst.

Selbsthaltung Dehnungshaltung

Womit wird Selbsthaltung oft verwechselt?

„Mit einer losen Anlehnung und durchhängenden Zügeln!“, sagt Britta Schöffmann und erklärt: „Doch das hat mit Selbsthaltung nichts zu tun, denn zu der gehört auch ein positiver Spannungsbogen der Oberlinie bei herangeschlossener Hinterhand – und eben kein durchhängender Rücken und aufgerollter Hals.“ Aber es ist schon tückisch: „Wenn das Pferd sich verkriecht, hinter den Zügel kommt und tendenziell in eine absolute Aufrichtung kommt, fühlt sich das ähnlich an“, erklärt Claudia Butry. „Allerdings ist das Pferd dann in der Regel nicht mehr vor den treibenden Hilfen, lässt sich also nicht mehr vorschicken, sucht die Verbindung zum Reiter nicht mehr und die Bewegungen sind spannig, verkrampft und unrund.“ Gut verständlich ist dazu auch die Erläuterung in der Reitlehre von Müseler. Das Buch aus den 1920er Jahren gehört zu den Klassikern in der Literatur zur Dressurausbildung. Dort heißt es: „Pferde, die hinter dem Zügel gehen, gehen auch in einer Haltung, die man mit Selbsthaltung bezeichnen könnte. Der Schritt vom Richtigen zum Falschen ist an dieser Grenze nur schwer zu erkennen und schwer zu fühlen. Sobald der Reiter nicht mehr in der Lage ist, den Hals des Pferdes zu verlängern, ist schon hinter dem Zügel. In Selbsthaltung gehen nur Pferde, die dank einer richtigen Ausbildung ihre Rücken und Nackenmuskulatur so entwickelt haben, dass sie sich unter dem Reiter selbst halten können.“

Fehler in der Selbsthaltung des Pferdes

Anja Beran beschreibt Ähnliches in ihrem Buch „Klassische Reitkunst“. Besonders die Situation, wenn das Pferd eigentlich hinter dem Zügel ist, wird gern mit Selbsthaltung schön geredet oder als Selbsthaltung empfunden. Anja Beran schreibt: „Manche Pferde legen sich zwar nicht auf die Hand, sind aber eng im Hals und vollkommen hinter dem Zügel. Sie trauen sich nicht mehr, an das Gebiss heranzutreten, weil sie mit Kraft aufgerollt wurden. Das darf nicht mit einer klassischen Selbsthaltung verwechselt werden! Zu ihr zählt auch, dass das Genick des Pferdes den höchsten Punkt bildet. Auf einem Pferd, das in Selbsthaltung geht, kann der Reiter einem Zentauren gleich mit dem Pferd verschmelzen. Er hat es nicht mehr nötig, permanent einzuwirken, um das Pferd in Haltung zu bringen und es am Auseinanderfallen zu hindern – Pferd und Reiter werden zu einem Körper.“

In diesem Kurs zeigt dir die Ausbilderin, wie du aus der Selbsthaltung des Pferdes die Piaffe weiterentwickeln kannst.

Gibt es Selbsthaltung nur in Versammlung?

Ganz zu Anfang dieses Artikels solltest du dir ein Pferd in Arbeitshaltung vorstellen, bei dem Rücken und Hinterbein gut mitarbeiten und es an der Senkrechten steht. Tatsächlich gibt es die Selbsthaltung jedoch in nahezu jeder Form, die der Reiter gerade dem Pferd vorschlägt. Spannend ist dazu die Erklärung aus dem Müseler: „Unter Selbsthaltung wird in der Reitersprache das scheinbar selbstständige Festhalten des Pferdes an der ihm vom Reiter gerade vorgeschriebene Haltung verstanden.“ Achtung, jetzt kommt’s: „Auch dieser Ausdruck bezieht sich demnach keineswegs auf eine bestimmte Höhe oder äußere Form der Haltung. Das an die Hilfen gestellte Pferd gelangt bei fortschreitender Dressur sehr bald zur Selbsthaltung; desto schneller, je feiner abgestimmt die Hilfen des Reiters sind und mit je feineren Zügeleinwirkungen er auskommt.“

Selbsthaltung Pferd Anja Beran

Was tut der Reiter, wenn Selbsthaltung in der Dressur gefragt ist?

Die Frage nach der Selbsthaltung des Pferdes hat nichts, aber auch gar nichts, mit einem passiverem Reiten zu tun! Sie ist eher die Ernte nach viel Mühe des Reiters. Und auch während der Überprüfung der Selbsthaltung hat der Reiter zu tun: „Die Selbsthaltung ist insofern aber tatsächlich nur ein scheinbares Sich-selbst-Tragen, weil das in Selbsthaltung gehende Pferd immer noch durch den treibenden Sitz des Reiters und die passive Hand gearbeitet wird“, so wird es in der Müseler-Reitlehre besonders treffend erklärt.

Können junge Pferde in Selbsthaltung gehen?

In der Reitlehrer Müselers wird das verneint. Diesen Satz hier haben wir daraus schon gelesen: „In Selbsthaltung gehen nur Pferde, die dank einer richtigen Ausbildung ihre Rücken und Nackenmuskulatur so entwickelt haben, dass sie sich unter dem Reiter selbst halten können.“ Im Anschluss schreibt er: „Von jungen Pferden darf man folglich keine Selbsthaltung fordern. Natürlich gibt es Pferde, die als Reitpferde prädestiniert sind, und andere von denen man das Gegenteil behaupten könnte. Allgemeinhin sind hier der Halsansatz und die Nackenmuskulatur als wichtige Kriterien bekannt. Je besser der Hals durch eine ausgeprägte Muskulatur an Widerrist und Schulter angesetzt (aufgesetzt) ist, desto eher kann man von einem geeigneten Reitpferd sprechen. Pferde mit schlecht (tief) angesetzten Hälsen werden nur in seltenen Fällen zu einer Selbsthaltung finden.“ Dressurausbilderin Claudia Butry spannt den Bogen da etwas weiter: „Sehe ich davon ab, die Kopf-Halshaltung mit dem Zügel zu kombinieren, dann finde ich die Selbsthaltung ich in allen Stadien: Ein junges Pferd das lernt, sich auszubalancieren, kann in einer Selbsthaltung gehen, wenn der Reiter nicht stört und mit den Zügeln einfach nur da ist. Dann spreche ich von einer Remontenhaltung in Form einer Selbsthaltung. Je weiter das Pferd in der Ausbildung voranschreitet und Schub und Tragkraft ausbildet, vor allem Tragkraft, desto mehr kommt es in eine vertikale Aufrichtung hinein. Letztendlich hat das Pferd in der Selbsthaltung das Pferd den Hals als Balancierstange frei. Je nach Ausbildungsstand wird die Selbsthaltung aufrechter und freier. Das Pferd kann aus dem Brustbein und Widerristbereich nach oben, nach vorwärts-aufwärts wachsen.“

Wenn du mit einem jungen Pferd an der Selbsthaltung arbeiten wirst, schau dir ab, wie es Reitmeisterin Ingrid Klimke mit ihrem Remonten macht. In ihrem Kurs Unterricht mit einer Reitmeisterin kommt es dir vor, als würde sie dir eine persönliche Reitstunde geben.

Was tue ich, wenn das Pferd auf den Zügel drückt?

Du hast gefühlt Kilos in den Händen? Dein Pferd drückt auf den Zügel? Unschön, das fühlt sich nicht gut an. Und das Ziel Selbsthaltung ist noch ziemlich weit entfernt. „Der stärkste Gegensatz zur Selbsthaltung wäre es, wenn ein Pferd auf den Zügel drückt“, so steht es in dem hier viel zitierten Buch von Müseler. Und, Achtung, wichtig: „Sogenannte Selbsthaltung ist nur bei voller Harmonie zwischen Reiter und Pferd richtig vorhanden.“ Der letzte Satz zeigt: Selbsthaltung ist nichts, was man so zwischendurch mal eben abhaken kann. Das ist höchst anspruchsvoll!

Es gibt nicht die eine Übung, die dich und dein Pferd weg vom Zügel und hin zu einer verbesserten Selbsthaltung bringt. Es ist das Gesamtkonzept Pferdeausbildung, was euch dort hinführen wird. Wenn man etwas herauspicken möchte, dann könnte man sagen: Viele Übergänge reiten. Das ist auch in den Richtlinien Reiten und Fahren der FN kurz angesprochen: „Nachgebende, aushaltende und annehmende Zügelhilfen finden ihre Anwendung immer in Verbindung mit entsprechenden Gewichts- und Schenkelhilfen zum Beispiel zur Verbesserung der Selbsthaltung und Anlehnung oder bei ganzen Paraden, also bei Übergängen zum Halten.“ Allerdings wirst du je nach Ausbilder und dessen Philosphie weitaus differenziertere Ideen zur Verbesserung der Selbsthaltung finden. Ein Anfang wäre Britta Schöffmanns Kurs Reiten gut erklärt, in dem sie dir am Pferd zeigt, was mit Selbsthaltung gemeint ist.

Selbsthaltung Jessica von Bredow Werndl

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