#Interview Astrid von Velsen-Zerweck: Warum es Landgestüte heute mehr denn je braucht
Dr. Astrid von Felsen-Zerweck leitet das Haupt- und Landgestüt Marbach auf der Schwäbischen Alb – als erste Frau in der über fünfhundertjährigen Geschichte der Institution. Im Gespräch mit Christian Kröber erklärt sie den Unterschied zwischen Haupt- und Landgestüt, wie aus einem einstigen Hofgestüt ein moderner Landesbetrieb mit rund 500 Pferden, fast 1.000 Hektar Landwirtschaft und über 150 Mitarbeitenden wurde und warum der Kampf um politische und gesellschaftliche Rückendeckung für Staatsgestüte nie endet, obwohl über eine halbe Million Menschen Marbach jährlich besuchen.
Es geht um die weltberühmte Araberherde, das Schwarzwälder Kaltblut, den Altwürttemberger und die Trakehner-Linie sowie um moderne Zuchttechniken wie künstliche Besamung, Embryotransfer und Klonen. Astrid spricht außerdem über 100 Jahre Hengstparade Marbach, ihren eigenen Werdegang, den Strukturwandel in der Pferdezucht und beantwortet die vier klassischen Wehorse-Fragen.
Podcast Transkript
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[SPEAKER 1]
[00:00:00-00:00:08]
Heute zu Gast die Chefin des Haupt- und Landgestüts Marbach in Baden-Württemberg, Dr. Astrid von Felsen-Zerweck.
[SPEAKER 2]
[00:00:10-00:00:25]
Naja, natürlich haben wir eine lange Geschichte, aber es heißt ja nicht, dass wir immer in der Tradition hängenbleiben, sondern eigentlich waren diese Staatsbetriebe schon Vorreiter. Also wir waren auf der Schwäbischen Alb auch unter den Ersten, die zum Beispiel elektrische Anlagen hatten.
[SPEAKER 3]
[00:00:26-00:00:42]
Herzlich willkommen zum WeHors Podcast. Heute mit Christian Kröber. WeHors ist deine Lernplattform, auf der du täglich Inspirationen, Trainingstipps und das Wissen der besten Trainer bekommst, um gemeinsam mit deinem Pferd jeden Tag besser zu werden.
[SPEAKER 1]
[00:00:43-00:01:25]
Es gibt wenige Orte in Deutschland, die die Historie und Tradition der Pferdewelt und des später daraus resultierenden Pferdesports besser repräsentieren als die Landgestüte. Eines der führenden Landgestüte unter den derzeit noch acht existierenden ist das sogenannte Haupt- und Landgestüt Marbach. Gelegen auf der Schwäbischen Alb zwischen Stuttgart und Ulm ist es seit vielen Jahren unter der Leitung von Dr. Astrid von Felsen-Zerweg. Sie ist diejenige, die dieses Landgestüt wahrscheinlich zu dem derzeit führenden Landgestüt in Deutschland ausgebaut hat. Diesen Weg werden wir nun gemeinsam beleuchten. Viel Spaß! Hallo, liebe Astrid.
[SPEAKER 2]
[00:01:25-00:01:26]
Hallo, lieber Christian.
[SPEAKER 1]
[00:01:26-00:01:52]
Schön, dass du bei uns bist im Podcast. Ich freue mich sehr. Wir sprechen heute über deine Position, auch die Historie, die das Amt mit sich bringt, das du trägst. Du bist die Landoberstallmeisterin des Haupt- und Landgestüts Marbach, die erste Frau in der 500-jährigen Historie dieser Institution. Was ist dein Job als quasi Direktorin dieses Unternehmens und dieses Haupt- und Landgestüts?
[SPEAKER 2]
[00:01:53-00:02:16]
Ja, ich bin Leiterin dieses alten Staatsgestüts, das früher ein Hofgestüt war, dann Landgestüt, Hauptgestüt wurde, jetzt ein Landesbetrieb des Landes Baden-Württemberg ist. Und dieses Gestüt leite ich und bin natürlich auch eingebunden in die Pferdezucht, in den Pferdesport, in die ganze Pferdebranche in Baden-Württemberg.
[SPEAKER 1]
[00:02:17-00:02:24]
Und du bist eine Angestellte des Landes Baden-Württemberg, also sozusagen die erste Pferdefrau im Ländle.
[SPEAKER 2]
[00:02:24-00:02:38]
Ich bin sogar verbeamtet und darf dieses schöne Gestüt leiten mit meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die über Generationen schon diese Pferdezucht gestalten.
[SPEAKER 1]
[00:02:39-00:02:49]
Wir können ja, bevor wir da tiefer einsteigen, mal eine kurze Begriffserklärung machen. Es ist vielen ja nicht klar, es gibt ja einen schon signifikanten Unterschied zwischen einem Haupt- und einem Landgestüt. Erklär uns einmal auf.
[SPEAKER 2]
[00:02:49-00:03:38]
Ja, ein Landgestüt ist quasi das Hengstdepot. Das kennt man aus Zelle und Warendorf zum Beispiel. Dort gibt es nur Hengste. Da hat der Landesherr... der jeweilige Landesherr die besten Hengste vorgehalten, um in der Landespferdezucht die Zucht ziemlich schnell verbessern zu können, also einen schnellen, ich sage mal, technischen Fortschritt erzielen zu können. Über die Hengste geht das viel schneller als über die Stuten. Und im Hauptgestüt werden quasi diese Landbeschäler entwickelt, gezüchtet und dann rausgeschickt eben auf die Landgestützstationen. In Baden-Württemberg heißt es Beschälstationen.
[SPEAKER 4]
[00:03:38-00:03:39]
Die Beschälstationen, okay.
[SPEAKER 2]
[00:03:39-00:03:40]
Genau.
[SPEAKER 4]
[00:03:41-00:03:43]
Die weiterhin auch noch im Land verteilt sind.
[SPEAKER 2]
[00:03:43-00:04:38]
Ja, die sind weiterhin verteilt. Wir haben jetzt nur noch fünf Stationen, aber andere Landgestüte haben ja deutlich mehr noch. Da hat natürlich auch die Biotechnologie Einzug gehalten und vieles wird über künstliche Besamung erledigt. Wir haben auch eine zentrale EU-Besamungsstation im alten Klosterhof in Offenhausen. Und das Hauptgestüt hatte eben die Stutenherden. Und aus diesen Stutenherden hat man immer versucht, je nach Zuchtziel, je nach Zweck, wofür man die Pferde brauchte, dann die besten Zuchthengste herauszubekommen und hat quasi ja experimentiert. In der Hofgestützzeit, da gab es dann halt auch mal Landesherren, die wollten gerne so schöne barocke Pferde haben wie der Cousin. In Spanien, da musste der arme Landoberstallmeister seine guten Landpferde, die er brauchen konnte für die Landwirtschaft.
[SPEAKER 1]
[00:04:38-00:04:40]
Die schweren Kalbblüser.
[SPEAKER 2]
[00:04:40-00:05:11]
Ja, oder auch schwereren Warmblüter. Die musste er dann beiseite stellen und für seinen Landesherrn dann halt Barockpferde züchten, die da gar nicht hinpassten. Aber seit etwas über 200 Jahren gibt es eine sehr systematische Pferdezucht in Württemberg. Und Baden-Württemberg. Und da wurde dann immer sehr genau auf das Zuchtziel geachtet und je nach Nutzungszweck dann auch umgesteuert. Und heute sind wir eben beim Sportpferd angelangt.
[SPEAKER 1]
[00:05:11-00:05:36]
Also die Tradition ist ja, du hast ja gerade auch schon beschrieben, für euch, aber auch für die ganzen anderen Landgestüte, ist es einfach sehr stark noch in dieser Kultur der Höfe auch verwurzelt, aus der das dann ja, und das ist ja auch die Herausforderung, über die wir gleich noch sprechen werden, das in die Neuzeit zu übertragen. Aber diese Traditionslinie, die ist für... Euch jetzt mal breiter gesprochen, nicht nur für Marbach, sondern für alle Landgestüte, einfach die Hauptlinie.
[SPEAKER 2]
[00:05:36-00:06:11]
Ja, wir besinnen uns immer wieder auf diese Kultur. Für uns ist das ein Stück Kulturgeschichte und auch Landesgeschichte, wie diese Gestüte entstanden sind, wie die sich entwickelt haben, wie sie weiterentwickelt wurden, dass es sie überhaupt heute noch gibt, dass die Menschen sie noch als Kultur gut erkennen oder wieder oder immer noch. Das ist schon was Besonderes. auch in Europa. Es gibt ja auch eine Vereinigung der europäischen Staatsgestüte und auch da erkennt man den Wert für die europäische Kulturgeschichte.
[SPEAKER 1]
[00:06:12-00:06:17]
Da gibt es ja auch fantastische Staatsgestüte, Tschechien beispielsweise.
[SPEAKER 2]
[00:06:17-00:06:30]
Ja, es gibt Gladrubi zum Beispiel. Oder wenn man nach Babolna geht, die auch Araberpferde züchten in Ungarn. Oder Janov Podlaski, ein wunderbares Gestüt ganz im Osten Polens.
[SPEAKER 5]
[00:06:31-00:06:33]
Ist das zum Beispiel das Staatsgestüt?
[SPEAKER 2]
[00:06:34-00:07:09]
Ja, Sommure ist die französische Reitschule sozusagen. Die sind auch immaterielles Kulturerbe. Wie auch die Wiener Hofreitschule, die Spanische Hofreitschule in Wien oder auch Lipica, das Gestüt, das ist auch UNESCO-Welterbe. Das sind natürlich dann auch Labels in Slowenien, die... Ein Fortbestehen, jetzt sagen wir mal nicht finanzieren, aber so ein bisschen einen Schutz gewähren, dass man so ganz einfach den Rotstift nimmt und das wegrationalisiert.
[SPEAKER 1]
[00:07:09-00:07:18]
Du hast ja gerade das Thema Kulturwut schon angesprochen. Wofür braucht es denn dann die Landgestüte? Und jetzt in eurem Fall Haupt- und Landgestüt, wenn man jetzt ganz technisch sein will. Wofür braucht es die denn noch?
[SPEAKER 2]
[00:07:19-00:10:39]
Also wie gesagt, für mich ist es absolut einmal ein Stück Landesgeschichte, ein Stück erlebbare Landesgeschichte, denn es ist nicht einfach ein altes Gemäuer. wo ein Schild dran steht Museum, sondern wir leben diese Gestützkultur immer noch so wie vor über 500 Jahren. Das ist das eine. Das andere ist natürlich die Aufgaben, die wir als Landesbetrieb von der Landesregierung übertragen bekommen jedes Jahr und dafür auch teilweise Zuschüsse bekommen, sind Aufgaben in der Pferdezucht, in der Erhaltung von bestimmten Pferderassen. Bei uns ist es zum Beispiel das Schwarzwälder Kaltblutpferd. Das in den Schwarzwald gehört und erhalten werden musste nach der Umzüchtungsphase zum Sportpferd, als man plötzlich Traktoren hatte und Maschinen, war das Pferd nicht mehr so wichtig und war mit einem Schlag fast ausgestorben. Und man hat dann in den 60er, 70er Jahren erkannt, dass man dieses Pferd erhalten kann. Sollte und da helfen wir mit. Wir sind quasi das Landgestüt. Wir haben die Hengsthaltung für die Schwarzwälder und das gleiche gilt für das Altwürttemberg-Pferd. Ein schweres Warmblutpferd, was ganz typisch ist für Württemberg. Und dann gibt es noch die Besonderheit in Marbach, diese wunderschöne silberne Herde der Vollblutaraber. Von König Wilhelm I. Von Württemberg aufgebaut wurde und dann von der Familie bis in die 1930er Jahre gehalten wurde. Dann fast der Weltwirtschaftskrise zum Opfer gefallen wäre. wenn sie nicht nach Marbach übertragen worden wäre. Und dort ist sie jetzt seitdem, da haben wir auch den Auftrag, diese Kultur Araber her, der aufrecht zu erhalten, weiterzuentwickeln, weiter zu züchten. Das ist jetzt so im Bereich des Gestützbetriebs, sage ich mal, die Kernaufgabe. Dann haben wir... Ein ganz großes Aufgabenfeld in der Bildung. Es wird immer mehr. Wir haben ja schon immer von Generation zu Generation die jungen Stützwerter ausgebildet, bis sie dann vom 12-, 13-jährigen Jungen zum Hauptsattelmeister aufgestiegen waren. Bis dann der Beruf aus der Traufe gehoben wurde in den 1970er Jahren. Da waren wir auch von Anfang an dabei, diesen Beruf des Pferdewirts auch auszubilden bei uns und auch Pferdewirtschaftsmeister dann zu entwickeln. Wir sind heute der größte Ausbildungsbetrieb für diesen Berufszweig. Deutschland hat. Ja, mit 45 Auszubildenden. Und wir bilden auch noch Hofbeschlagschmiede aus und Landwirte, denn wir sind auch ein großer landwirtschaftlicher Betrieb mit fast 1000 Hektar Landwirtschaft. Stellen das ganze Futter selber her und sind inzwischen auch Öko-Betrieb und haben da auch sehr viele Aufgaben, nicht nur in der Ausbildung, auch in der Hochschule. Bildung, arbeiten da also sehr eng mit den Hochschulen zusammen und haben eine enge Kooperation mit der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt in Nürtingen.
[SPEAKER 1]
[00:10:39-00:10:41]
In Nürtingen, klar, um die Ecke bei euch.
[SPEAKER 2]
[00:10:41-00:11:24]
Ja, genau. Und auch mit der Uni Hohenheim und vielen anderen Universitäten auch. Also wir haben viele Pferde, etwa 500, die wir betreuen, sodass wir auch mit größeren Gruppen, was in der Forschung ja auch immer wichtig ist, da dienen können. Und sind in der Berufsorientierung unterwegs, haben viele Praktikanten. Dann ist die Landesreitschule und die Landesfahrschule angesiedelt in Marbach. Die gehört zum Gestüt. Dort bilden wir etwa 1000 Reitschülerinnen und Reitschüler und auch Fahrschüler aus jedes Jahr. Und haben da Aufgaben in der Amateurausbildung, natürlich in der Berufsausbildung und auch in der Jugendförderung.
[SPEAKER 1]
[00:11:25-00:11:57]
Nun weiß man ja, und das begleitet dich ja auch schon deine gesamte Karriere als Landoberstallmeisterin, dass natürlich Landgestüte auch... Unter Druck stehen, die öffentlichen Budgets, gerade in dem Bereich. Wir reden sehr viel über Konsolidierung von Haushalten auf Bundesebene, auf Landesebene. Und da musst du natürlich, genauso wie deine Kollegen der anderen Landgestüte, auch wirklich kämpfen. Wie hart ist dieser Kampf? Wirklich für dich in der Realität.
[SPEAKER 2]
[00:11:58-00:15:44]
Ja, man ist an verschiedenen... Tidenen Stellen immer unterwegs. Und für mich ist es ganz, ganz wichtig, dass das Gestüt und das ist in Marbach schon lange so, in der Bevölkerung erstmal verankert ist. Also dieses Bewusstsein dafür, dass das ein Kulturerbe ist, dass es wichtig ist, nicht nur für die Pferdeleute, sondern Der dritte große Bereich, in dem wir arbeiten, ist ja eben diese Kulturpflege und damit der Tourismus. Also dieses UNESCO-Schlagwort Open to the Public, das leben wir wirklich schon seit vielen, vielen Jahrzehnten. Jeder kann jeden Tag... Zu uns kommen, ist es immer alles offen, außer die Stallungen, die sind nachts abgeschlossen. Ansonsten kann man da immer sein in Marbach und kann dieses Gestützleben erleben. Und wir legen großen Wert darauf, dass die Schulklassen zu uns kommen, schon immer. Man erlebt es da ganz oft, dass Großeltern kommen mit ihren Enkelkindern und sagen, so wie ich jetzt mit meinen Enkelkindern hier laufe, so bin ich schon mit meinen Großeltern im Gestüt gewesen. Also Menschen aus der Region. Ja, auch aus der weiteren Region. Wir liegen ja quasi oben auf der Schwäbischen Alb zwischen Stuttgart, Reutlingen, Tübingen, Ulm. Es ist ja schon ein relativ großes Ballungsgebiet, was da drumherum liegt. Das war schon immer so ein Ausflugsziel für die Menschen, auch zu allen Jahreszeiten. Und weil es eben so niederschwellig ist, man kann einfach kommen und da rumlaufen. Es kostet keinen Eintritt. Es ist einfach. Es gibt die Hengstparaden im Herbst, zu denen die Leute schon seit über 100 Jahren inzwischen kommen. Und das ist so eingeübt. Das ist mir sehr, sehr wichtig, dass das Gestüt eben nicht nur als, ach, das ist ja das für die verrückten Pferdeleute, eingestuft wird, sondern eben wirklich... Dass jeder Bürger in Baden-Württemberg erkennt, dass es ein Kulturgut ist, dass es ein Teil des Landes, der Landesgeschichte ist, dass es was mit ihm selber zu tun hat. Und nicht nur der Pferde wegen, sondern eben auch der Natur wegen, der Landwirtschaft wegen, der Wirtschaft. Also die Region lebt zu großen Teilen vom Gestüt. Hotellerie, Gastronomie, der ganze Einzelhandel drumherum. Und auch sind wir natürlich ein großer Arbeitgeber. Bei uns haben früher natürlich viel mehr Menschen gearbeitet, aber wir haben, wenn man alle zusammenzählt, mit Auszubildenden, Aushilfengestützführern, Und natürlich dem festen Stab an Mitarbeitern sind wir über 150 Menschen, die da arbeiten, sich um diese Pferde kümmern. Auf drei Gestützhöfen, vier Vorwerken in fünf Gemeinden. Also viel Infrastruktur. Genau, genau. Das ist mir wichtig. Und wenn es der Bevölkerung wichtig ist, dann ist es natürlich auch der Politik wichtig. weil es da so gut verankert ist. Und da wir sehr breit und vielfältig aufgestellt sind, nicht nur schmal in der Pferdewirtschaft, sondern auch in der Landwirtschaft, im Tourismus, sind wir ein sehr, sehr großer Player da in der Region. Im UNESCO-Biosphärengebiet Schwäbische Alb, in der Bildung. Sowohl Amateurausbildung als auch Berufsausbildung, als auch Hochschulbildung. Wir sind also überall so ein bisschen verhakt, sage ich mal, sodass es schwierig wird, so ein Geflecht wieder auseinanderzureißen, wenn man es abschaffen wollte, was aber im Moment überhaupt niemand möchte. Es gab mal Zeiten, da war das sehr auf der Kippe, wird es wahrscheinlich auch irgendwann wieder geben.
[SPEAKER 1]
[00:15:44-00:15:45]
Vor zehn Jahren war das, glaube ich.
[SPEAKER 2]
[00:15:46-00:16:20]
Vor 20 Jahren war das. Da hat man irgendwie noch nicht so erkannt, in welche Richtung das laufen kann. Und dann hat man so ein Konzept aufgestellt und dann war auch der Generationenwechsel. Dann kam mit mir die neue Generation und dann war das neue Konzept da und wir haben das mit Leben gefüllt. Das funktioniert sehr gut und ist natürlich trotzdem jeden Tag vom Neuen. Arbeit nach jeder Wahl fängt man wieder von vorne an.
[SPEAKER 1]
[00:16:20-00:16:38]
Also du hast jetzt gerade einen neuen Landesvater, Cem Özdemir, der ist jetzt bei euch ja neuer Ministerpräsident. Also den muss man dann... Oder nicht auf ihn, zumindest auf die, Truppe oder die Menschen um ihn herum, die dafür zuständig sind, muss man dann auch aktiv einwirken, um das auch zu erhalten. Also es ist aktive Lobbyarbeit.
[SPEAKER 2]
[00:16:38-00:18:06]
Man muss eigentlich jeden Tag dranbleiben. Man muss eine gute Pressearbeit machen. Man sollte versuchen, Eine klare Furche natürlich zu fahren, also was Tierschutz angeht, was pferdegerechtes Ausbilden angeht, was Kompetenz angeht, das habe ich noch gar nicht erwähnt. Wir haben dieses Kompetenzzentrum Pferd Baden-Württemberg damals auch aus der Traufe gehoben. Das ist so eine Vereinigung der Institutionen rund um das Pferd in Baden-Württemberg. Die treffen sich zweimal im Jahr. Wir besprechen, was gerade los ist in der Zucht, im Sport, Pferdegesundheitsdienst, Hochschulen, Berufsschulen, Grünland, Tierschutz und so weiter. Das wird diskutiert und man versucht dann so Trends rauszufiltern und darauf zu reagieren mit einem Seminarangebot, mit Beratungsangeboten für... Die Pferdehalter, also nicht nur für die Züchter, die im Pferdezuchtverband organisiert sind oder im Pferdesport, sondern für alle Pferdehalter in Baden-Württemberg. Und es gibt ein kleines Team bei uns von drei Personen, was jetzt gerade ganz neu aufgestellt ist. Und die sind Ansprechpartner für die Pferdehalter. Und das fruchtet auch sehr, sodass wir da wirklich zusammengerückt sind in dieser Branche, was meines Erachtens... Sehr, sehr wichtig ist, damit man eben auch einheitlicher auftreten kann der Bevölkerung gegenüber.
[SPEAKER 1]
[00:18:06-00:18:31]
Aber ich würde sagen, das ist ja nicht in jedem Bundesland so. Also wenn man schaut, es gibt jetzt, wenn man von Hamburg Richtung Osten guckt, gibt es das Land Schleswig-Redefien. Dann gibt es Zelle, Warendorf, die sind ja schon alle sehr individuell aufgestellt. Das, was du beschreibst, ist ja etwas sehr Spezifisches, was du mit deinem Team in Marbach so aufgebaut hast, was für Baden-Württemberg gilt. Aber das ist ja nicht, dass alle so operieren, oder?
[SPEAKER 2]
[00:18:32-00:18:57]
Ja, Tierzucht ist ja Ländersache. Das heißt, es ist föderal organisiert. Jedes Bundesland macht es ein bisschen anders. Und die einen machen es ein bisschen intensiver, die anderen etwas weniger intensiv. Und da gibt es verschiedene Programme. In Sachsen gibt es zum Beispiel tolle Programme oder auch in Niedersachsen, Pferdeland Niedersachsen zum Beispiel. Gibt es auch sehr gute Initiativen. Dann gibt es Bundesländer, da gibt es überhaupt keine Landgestüte wie Schleswig-Holstein zum Beispiel.
[SPEAKER 1]
[00:18:57-00:19:02]
Brandenburg. Obwohl, ja, Brandenburg-Neustadt-Dossel. Aber Sachsen-Anhalt, doch Pussendorf.
[SPEAKER 2]
[00:19:03-00:19:11]
Das gibt es nicht mehr. Das war mal nach der Wende, hat man das zum Landgestüt gemacht. Das ist aber dann relativ schnell wieder eingestellt worden. Zwei Brücken.
[SPEAKER 1]
[00:19:11-00:19:13]
Zwei Brücken. Das ist Reinhard Walz.
[SPEAKER 2]
[00:19:14-00:19:56]
Das ist, genau, Saarland hat keins, richtig. Es gab früher ja sehr viele Landgestüte. Jeder Landesherr, der was auf sich hielt, der hatte sein Hengstdepot oder seine Pferdezucht mehr oder weniger gut. Ein wurden dann weitergeführt oder es kamen andere Strukturen, wie jetzt die preußischen Strukturen, zu denen zum Beispiel Celle und Warndorf gehören. Das hat sich dann verändert und wir sprechen immer von acht, die jetzt noch da sind. Wobei Dillenburg und Zweibrücken auch gar keine eigenen Hengste mehr halten.
[SPEAKER 1]
[00:19:57-00:20:00]
Da erhält man, glaube ich, die Kulisse ein bisschen.
[SPEAKER 2]
[00:20:00-00:20:24]
Ja, und Bildung. Also in Dillenburg ist die Reit- und Fahrschule. Da wird sehr viel für die Bildung getan. In Zweibrücken hat man noch eine Besamungsstation, aber nicht mehr mit eigenen Hengsten. Und da ist diese Sportanlage sehr frequentiert. Mehr eben genau die Institution ist dann eher der Wahrer dieses materiellen Kulturerbes.
[SPEAKER 1]
[00:20:25-00:20:37]
Aber ist der grundsätzliche Kampf denn gewonnen? Oder wird das weiterhin ein Thema sein mit jeder neuen Landesregierung? Der Tropfen muss den Stein immer wieder hüllen.
[SPEAKER 2]
[00:20:38-00:22:02]
Das glaube ich, das hört nie auf. Also das ist ja, glaube ich, auch in jeder Branche so. Wenn ich mir in Hamburg umgucke und die Kulturlandschaft da anschaue mit Theatern, Orchestern, die Oper, die kleinen Kunstbühnen und so weiter, da wird auch immer wieder drum... Gekämpft und versucht, versucht zu überzeugen, dass die Orchester nicht zusammengelegt werden. In Berlin, glaube ich, gibt es diese Diskussion jetzt und so weiter. Das wird immer so sein. Wir müssen eben einfach gut sein. Wir müssen meines Erachtens die Chance erkennen, die in dem Pferd in der Gesellschaft heute liegt. Heute mehr denn je. Früher ging es nicht ohne Pferde. Wir wären ja gar nicht so weit, wie wir sind, ohne das Pferd in unserer Kulturgeschichte und auch in der politischen Geschichte nicht. Und heute ist es, glaube ich, tatsächlich ein gesellschaftspolitisches Thema, dass man das Pferd... Mit anderen Augen sieht und es auch anders einsetzt in der Gesellschaft als nur als Arbeitstier oder nur als Sporttier, Sportpartner. Das ist, glaube ich, ganz, ganz wichtig, dass die Gesellschaft das erkennt. Und wir sind meines Erachtens die... Katalysatoren sozusagen oder die Schaufenster in diese Pferdewelt hinein.
[SPEAKER 1]
[00:22:02-00:23:03]
Weil die Pferdewelt, wir haben das hier bei uns auch intern schon viel diskutiert in den letzten Wochen. Es gibt ja auch immer wieder Studien, die rauskommen, dass zum Beispiel nur noch jeder Fünfte überhaupt Turnier reiten möchte. Und es wird ja immer bei Erhalt von Institutionen sehr viel darüber gesprochen, das Kulturgut. Und das wird so auch teilweise monstransartig vorangestellt. Wenn man jetzt schaut und durch eine deutsche Stadt geht, Da sieht man sehr viele Kirchen, das sind auch Kulturgüter, trotzdem sind sie leer beim normalen Gottesdienst. Wie schafft man denn diesen Mix aus, ja, es ist Kulturgut, aber wir leben ja im Jahr 2026. Menschen haben Inflationsprobleme, wir sind im vierten Jahr der Rezession in Deutschland. Trotzdem hat ja das Pferd irgendwo eine Rolle. Wenn man kleine Kinder hat, merkt man das sofort, wie toll es ist, wenn die mit Pferden unterwegs sind. Wie schafft man diese Brücke zwischen diesen doch verschiedenen Welten zu bauen?
[SPEAKER 2]
[00:23:05-00:24:52]
Ja, ich glaube, dass gerade diese lebendige Welt, also wir sind ja ein lebendiges Kulturgut. Wir haben ein bisschen materielle Kulturgüter, also die Gebäude oder die Kutschen und Geschirre und so. Aber das Wichtige daran ist ja das Lebewesen und das Leben mit dem Pferd und die Beschäftigung mit dem Pferd. Diese ununterbrochene Folge an Generationen, an Gestütern, die sich tagtäglich, jeden Tag, 365 Tage im Jahr um diese Tiere kümmern. Und daraus sind ja auch Kulturtechniken entstanden. Und dieses immer weiter zu tragen, das ist, glaube ich, gerade in den Staatsgestüten wirklich noch so vorhanden, wenn sie nicht zwischendurch mal geschlossen waren und wieder neu aufgebaut wurden. Es ist ja wirklich etwas, wenn ich zum Beispiel nachts durch Marbach laufe und gehe da durch die... alten Baumalleen und die Gebäude, dann stelle ich mir immer vor, dass vor 500 Jahren genauso da jemand durchgelaufen ist. Man hört die gleichen Geräusche, man hört das Kauen der Pferde, man hört mal einen wieren, mal einen gegen die Wand schlagen, mal welche auf der Koppel rumgaloppieren. Tagsüber hört man die Kutschen rollen, die Geschirre knarzen und den Schmied beschlagen. Das sind ja Kulturtechniken, die auch mit uns sehr viel zu tun haben, also eigentlich schon fast in unserer DNA sind. Und das berührt Menschen. Also gerade auch Menschen, die nicht damit aufgewachsen sind. Das merkt man immer wieder, wir haben ja unheimlich viele Besucher, also über eine halbe Million im Jahr, die durch unser Hoftor laufen.
[SPEAKER 1]
[00:24:53-00:24:58]
Über eine halbe Million? Das ist ja eine unglaubliche Zahl.
[SPEAKER 2]
[00:24:58-00:26:10]
Ja. Und diese Menschen, die nehmen das auf, die spüren diesen Rhythmus, den es da gibt, auch im Wechsel der Jahreszeiten, aber auch der Tageszeiten, des Werdens und Vergehens, sage ich mal. Dann werden die Fohlen geboren, wachsen auf, werden angeritten, eingefahren. Und dann werden sie alt und dann gehen sie auf die Außenhöfe. Und das ist so ein Rhythmus auch in der Landwirtschaft mit der Ernte und so weiter. Das steckt in uns. uns Menschen drin. Und ich glaube, dass es, oder ich bin der festen Überzeugung, dass es der Gesellschaft, dem einzelnen Menschen und damit der Gesellschaft gut tut, wenn sie das zumindest ab und zu mal erleben kann, wenn es noch Orte gibt, wo sie das erleben kann. Und deshalb ist es auch meines Erachtens wichtig, dass die Länder sich das leisten. Natürlich kostet das auch Geld, kommt aber auch viel Wirtschaftskraft zurück in die Region über diese gestütete, aber auch, ich sage mal, so ein bisschen mentale und physische Gesundheit in eine Gesellschaft zurück, wenn man die Kinder damit aufwachsen lässt.
[SPEAKER 1]
[00:26:10-00:26:19]
Die auch wichtiger wird. Also wir haben ja einen massiven technologischen Umbruch, gerade Richtung künstliche Intelligenz. Da wird das ja wichtiger werden, was du da beschreibst.
[SPEAKER 2]
[00:26:19-00:27:24]
Natürlich, absolut. Und wir sind dann noch dazu auf der Schwäbischen Alb. Wir sind ja mitten im Biosphärengebiet. Wir sind mitten in der Natur. Und das Gestüt ist immer so ein bisschen so ein Anziehungspunkt mit den Pferden. Das ist immer ganz klar. Da fahren wir mal hin übers Wochenende und gucken uns das mal an. Und schon ist man mitten in der Natur. Und schon hat man einen Ausgangspunkt. Ach komm, den Wanderweg, den laufen wir mal eben noch. Ach, die Höhle gucken wir uns nochmal an. Oder auf den Berg klettern wir nochmal hoch. Die Menschen haben dann so einen Anlaufpunkt und Ausgangspunkt, um die Natur auch besser zu verstehen. Hoffentlich dann ein Verständnis zu entwickeln, sie auch zu schützen. Zumindest sich vielleicht, wenn sie dann als Kinder das erlebt haben, sich später mal daran zu erinnern, wenn sie in wichtigen Entscheidungspositionen sind, entweder im Gemeinderat oder politisch oder in ihrem Unternehmen, was sie dann beeinflussen können in eine bestimmte Richtung.
[SPEAKER 1]
[00:27:24-00:27:31]
Gäbe es für dich irgendeinen schöneren Job als... Die Landoberstallmeisterin Marbachs zu sein.
[SPEAKER 2]
[00:27:31-00:28:54]
Nein, kann ich mir gerade nicht vorstellen. Ich habe mal eine ganze Zeit lang so ein bisschen damit geliebäugelt, an der Universität zu bleiben. Damals gab es aber noch keine Fakultäten für Pferdewirtschaft, Pferdewissenschaften. Und dann habe ich mich ja selbstständig gemacht, habe im Sportmarketing gearbeitet. War auf den großen Turnierplätzen unterwegs und habe aber auch damals schon ein Projekt im Münsterland betreut, Pferderegion Münsterland. Und habe da schon so begonnen, diese Verbindung zu versuchen zu schaffen zwischen... Zwischen den Pferdebetrieben und den Vereinen und Hotellerie, Gastronomie, den Regionen und der Bevölkerung oder den Touristen, um das zusammenzubringen. Und das kommt mir jetzt natürlich da in Marbach sehr zugute, dass ich das da auch sehr gut gestalten kann. Ich glaube, das ist wirklich das, was in Marbach... So fantastisch ist, was Freude macht. kann mit einem sehr guten Team, was ich habe, wirklich Dinge gestalten. Natürlich muss man immer Überzeugungsarbeit leisten in Richtung Ministerium, in Richtung Politik. Auch in Richtung der eigenen Mitarbeiter, ganz klar. Aber man kann doch relativ direkt Dinge gestalten und das macht wahnsinnig viel Freude.
[SPEAKER 1]
[00:28:54-00:29:19]
Aber das scheint ja gut zu funktionieren. Also du scheinst ja auch einen guten Draht in die Landesministerien zu haben, weil wenn du das so beschreibst, ist ja... Der Pferdebereich ein wichtiger und wahrscheinlich der Nukleus, der am Ende alles am Leben hält. Aber was ja darum zu ist, wenn du redest über Wirtschaftskraft in der Region, das schaffen ja viele andere nicht überhaupt zu beschreiben, dass es einen Effekt gibt. Ihr habt das ja sehr, sehr breit aufgestellt.
[SPEAKER 2]
[00:29:20-00:29:26]
Ja, das stimmt. Wir haben es wirklich sehr breit aufgestellt. Wir sind aber auch, wir gehören zum Ministerium für ländlichen Raum.
[SPEAKER 1]
[00:29:26-00:29:27]
Und Verbraucherschutz.
[SPEAKER 2]
[00:29:28-00:29:31]
Ja, so hieß es bis vor kurzem. Wir haben ja Wahlen gehabt.
[SPEAKER 1]
[00:29:32-00:29:37]
Kennen wir nämlich immer von den Turnieren, weil die gibt es mit dem Preis des Ministeriums für ländlichen Raum und Verbraucherschutz.
[SPEAKER 2]
[00:29:37-00:30:21]
Genau, jetzt heißt es für ländlichen Raum Landwirtschaft und Heimat. Und das ist natürlich genau das, was wir machen letztendlich. Und die Entwicklung des ländlichen Raums, auch einen ländlichen Raum so attraktiv zu gestalten, dass die Menschen dort gerne leben und arbeiten und auch gut dort leben und arbeiten können. Dazu gehört auch so ein Anziehungspunkt wie dieses Gestüt. Unsere Gemeinde ist seit vielen, vielen Jahren die einzige schuldenfreie Gemeinde in dem Landkreis, weil sie einfach gute Angebote hat, es geschickt managt, aber eben auch so viele attraktive Angebote hat, für junge Familien dahin zu ziehen. Und da ist das Gestüt ein großer Teil davon.
[SPEAKER 1]
[00:30:22-00:30:22]
Goma-Ding.
[SPEAKER 2]
[00:30:23-00:30:24]
Goma-Ding, genau.
[SPEAKER 1]
[00:30:24-00:30:32]
Also wenn man das ja auf Google Maps sich anschaut, dann gibt man immer Marbach ein, dann gibt es ja zwei. Dann wird man immer so ein bisschen fehlgeleitet, aber es ist Marbach-Goma-Ding.
[SPEAKER 2]
[00:30:32-00:30:34]
So ist es, genau. Nicht Marbach am Neckar.
[SPEAKER 1]
[00:30:34-00:30:58]
Das ist schon... Marbach am Neckar, das war das andere. Du hast ja eben schon beschrieben, du kommst doch aus dem Sport, hast sehr viel gesehen. Dein Vater leitete unter anderem den Trakeener Zuchtverband. Also dieses Züchterische, das liegt dir auch in den Genen. War das für dich immer klar, dass es in so eine Richtung geht?
[SPEAKER 2]
[00:30:59-00:32:31]
Ja, nach dem Abitur. Mein Vater ist ja früh gestorben, kurz bevor ich Abitur gemacht habe. Da wusste ich noch nicht so genau, in welche Richtung es geht. Ich wollte journalistisch arbeiten. Dann haben mir aber viele geraten, mach lieber ein Fachstudium und entwickle das dann daraus. Und so habe ich es dann auch gemacht. Ich habe Publizistik und Kommunikationswissenschaften als Nebenfach des Landwirtschaftsstudiums. Dann studiert und auch immer in dem Bereich gearbeitet, war auf allen Pressestellen, die da großen Turniere und so weiter. Große Freude gemacht, ist man natürlich voll tief eingestiegen in diese ganze Szene. Und dann im Landwirtschaftsstudium habe ich mich dann aber doch auf Tierzucht spezialisiert und dann auch im Bereich Pferde promoviert und bin dann auch dieser Richtung dann treu geblieben. Im Sportmarketing erst, dann war ich selbstständig und dann kam die Ausschreibung Marbach und da konnte ich dann nicht widerstehen, weil das quasi ja alles zusammengebracht hat, was ich... Vorher schon gemacht hatte. Und das bewahrheitet sich jetzt tatsächlich. Und es ist auch kein Tag langweilig, weil sich ja das Gestüt zwar nicht extrem ändert, aber alles drumherum sich sehr ändert. Und man eigentlich... Oder ich jetzt eine ganz andere Arbeitsplatzbeschreibung habe als damals, als ich angefangen habe dort.
[SPEAKER 1]
[00:32:31-00:32:35]
Weil es sich so in die Breite entwickelt hat, weil ihr diese verschiedenen Säulen habt?
[SPEAKER 2]
[00:32:35-00:33:00]
Ja, auch das. Aber die Ansprüche der Gesellschaft haben sich komplett verändert. Und auch der Mitarbeitenden, das ist auch anders geworden. Die Art und Weise, wie man so ein Gestüt organisiert. Allein nur, dass wir jetzt Ökolandwirtschaft betreiben, ist ja ein großer Umbruch im Gestüt. Tierhaltung verändert sich.
[SPEAKER 1]
[00:33:01-00:33:08]
Gerade in so historischen Gemäuern, da ist ja aus der Ständerhaltung auf die Boxenhaltung zu kommen, müsste ja mega viel verändern.
[SPEAKER 2]
[00:33:08-00:34:01]
So ist es. Als ich da anfing, gab es kaum Ausläufe für die Pferde. Also die Jungpferde und die Stutenherden, die sind natürlich immer draußen. Aber für die Hengste und Schulpferde gab es kaum Auslaufmöglichkeiten. Das ist ja heute natürlich ganz, ganz anders. Wir bauen die Stallungen um, soweit der Denkmalschutz es uns erlaubt, in Richtung tiergerechte Haltung und Sozialboxen für die Hengste, viele, viele Ausläufe. Auch die Trainingsphilosophie hat sich von der klassischen Reitlehre nicht entfernt, aber wir interpretieren sie anders in Richtung noch mehr. Zeit für die Pferde und noch mehr individuelles Beschäftigen mit den Pferden und Ausbilden.
[SPEAKER 1]
[00:34:01-00:34:24]
Lassen wir uns auch noch über das Thema Zucht ein bisschen sprechen. Also ganz berühmt ist natürlich die Araber. Du hast ja gerade schon ein bisschen die Historie erklärt. Warum wird die bis heute so gehalten? Ist es einfach, weil sie so ein... Kulturgut ist, auch wenn wir jetzt bei diesem Begriff sind, aber weil sie einfach so etwas Besonderes für Marbach repräsentiert? Oder gibt es da auch noch einen züchterischen Hintergrund heutzutage?
[SPEAKER 2]
[00:34:24-00:35:54]
Ja, ich glaube, es ist alles. Also es ist ein Kulturgut des Landes. Sie war ja erst in Scharnhausen. Deswegen sprechen wir immer von Weil-Marbacher Araberzucht, weil das königliche Gestüt in Weil, Scharnhausen ist da am Flughafen Stuttgart ungefähr, beheimatet war und dann bis 1932 eben dort war, dann nach Marbach kam. Und mit der Maßgabe, diese Herde soll immer erhalten bleiben. Das war natürlich sozusagen, ja, müsste man sich ja jetzt nicht unbedingt mehr dran halten heute, aber das Land hält sich nach wie vor daran und gibt uns immer wieder diesen Auftrag. Diese Herde weiterzuentwickeln und also wie so ein Erhaltungszuchtprogramm möglichst so zu erhalten, nach der Philosophie des Königs. Wir wollen Adel und Leistung, also schöne, leistungsbereite und leistungsfähige Pferde, Reitpferde. Damals waren Araber immer Reitpferde. Das sehe ich, jetzt sagen wir mal, wenn man es ganz fachlich auf diese Araberzucht bezieht oder die heutige Welt-Araberzucht. Wir haben noch arabische Reitpferde, während viele oder der Trend doch in den arabischen Ländern vornehmlich. Sehr in Richtung Showzucht geht und so Schönheitswettbewerbe, aber man achtet gar nicht mehr drauf, ob das überhaupt noch Pferde sind, die man...
[SPEAKER 1]
[00:35:54-00:36:00]
Sind teilweise, würde ich sagen, gar nicht mehr reitbar. Also wenn man das so sieht auf diesen Wettbewerben, ist es teilweise schon befremdend.
[SPEAKER 2]
[00:36:00-00:37:26]
Ja, ich muss sagen, ich habe mich da bis heute nicht dran gewöhnt und wir gehen auch nur selten zu ganz ausgewählten Schauen, von denen wir wissen, dass da auch tatsächlich Richter sind und auch Publikum, die was vom Reitpferd noch verstehen. Das ist das eine. Wir haben also quasi noch so ein Nukleus von wirklich guten, soliden, reitbaren Vollblutarabern, die vielleicht nicht so überschön sind, wie der Modetrend das gerne hätte. Dann ist es dieser landesgeschichtliche Aspekt. Und dann haben wir ja immer schon auch den Auftrag, die Landespferdezucht zu verbessern, immer zum Fohle der Landespferdezucht. Und diese Araber kann man auch weiterhin einsetzen in der Landespferdezucht. So ist ja auch der Württemberger mal entstanden, der heute Altwürttemberger heißt. Man hat mit den Landpferden, die da waren, mit einem Schuss Araberblut, mit ostpreußischem Blut und mit Anglo-Normannen hat man ein Pferd gezüchtet, das verschiedene Nutzungsrichtungen konnte, also so ein Allrounder. Sozusagen den Herren und Bauer. Und das ist das Altwürdenberger Pferd. Und da ist eben auch an der Entstehungsgeschichte der Araber traditionell oder beteiligt. Und traditionell wird er dann auch immer mal wieder in der Warmblutzucht eingesetzt.
[SPEAKER 1]
[00:37:26-00:37:33]
Aber ihr müsst dann auch schon Araber von außen zuführen, in Anführungsstrichen. Also der Genpool. Ist ja geschlossen. Ihr müsst dann immer wieder auch mal erfrischen.
[SPEAKER 2]
[00:37:34-00:37:58]
Das tun wir, aber wir kommen auch relativ gut mit unserer eigenen Zucht klar, weil wir drei verschiedene Familien mit verschiedenen... Zweigen noch haben, die sich gegenseitig auch ergänzen, sodass wir da auch die selbstgezüchteten Hengste einsetzen können. Aber wir nehmen auch ab und zu mal Blut von außen dazu.
[SPEAKER 1]
[00:37:59-00:38:06]
Also es gibt die Araber, du hast eben schon den Schwarzwälder Fuchs angesprochen, der ist unter eurem Dach. Gibt es noch weitere Rassen, die beheimatet sind?
[SPEAKER 2]
[00:38:06-00:38:53]
Der Altwürdenberger und das deutsche Sportpferd und innerhalb des deutschen Sport oder innerhalb dieser Gruppe des Warmblutpferdes, des Sportpferdes, ist auch schon mehr oder weniger seit... Über 200 Jahren das ostpreußische Pferd da, also die Hauptgestützfamilie, die am längsten in Marbach ist, die wir auch bis heute pflegen, geht auf eine ostpreußische Halbblutstute zurück, die 1879 geboren wurde. Und seitdem führen wir diese Linie fort und die Familie der Kokette oder der Stamm, Hauptgestützstamm. Und diese ostpreußischen Pferde wurden immer wieder eingekreuzt, auch aus dem Grund, weil es Blutpferde waren und weil es Reitpferde waren.
[SPEAKER 1]
[00:38:53-00:38:55]
Trachena am Ende des Tages, oder?
[SPEAKER 2]
[00:38:55-00:39:06]
Genau. Früher hießen sie erst Ostpreußen und dann nach dem Zweiten Weltkrieg Trachena. Diese Pferde haben wir auch teilweise noch in einzelnen Stutenfamilien in Reinzucht bei uns in der Herde.
[SPEAKER 1]
[00:39:09-00:39:28]
Du bist zudem seit Sommer diesen Jahres die erste Vorsitzende der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft um das Pferd. Die Präsidentin sozusagen, Nachfolgerin von Dr. Ludwig Christmann, der jetzt zum Ehrenvorsitzenden ernannt wurde. Was macht die GWP?
[SPEAKER 2]
[00:39:29-00:39:43]
Die Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft um das Pferd kümmert sich um die Verbindung zwischen Praxis und Forschung. Es nützt ja nichts, wenn die Forschung vor sich hin forscht und in irgendeine Richtung abdriftet, die die Praxis nicht braucht.
[SPEAKER 1]
[00:39:44-00:39:46]
Ist ja immer der Vorwurf so ein bisschen gerade über die deutsche Forschung.
[SPEAKER 2]
[00:39:46-00:40:13]
Ja, der Elfenbeinturm. Und umgekehrt. Braucht die Praxis ja doch auch immer mal wieder Input oder Bestätigung für das, was man empirisch über die Jahrtausende mit dem Pferd zusammen entwickelt hat. Häufig ist es tatsächlich ein wissenschaftliches Platz, das habt ihr schon immer richtig gemacht, aber man braucht es zunehmend in der Gesellschaft, dass die... Dass es dann auch wissenschaftlich wirklich bestätigt ist, dass es richtig ist.
[SPEAKER 1]
[00:40:13-00:40:20]
Ein bisschen wie Stiftung Warentest eigentlich, dass man sagt, okay, es ist okay, so zu machen, obwohl es ja eigentlich Common Sense ist.
[SPEAKER 2]
[00:40:20-00:41:09]
Ja, wenn man sagt, richtig reiten reicht, ja, aber was ist denn richtig reiten? Und dann geht es los, dann wollen sie wissen, wie stark darf der... Kontakt zwischen Reiterhand und Zügel oder Pferdemauer sein oder viele, viele, viele Fragestellungen in der Medizin, in der Fütterung, in der Haltung, im Reiten und Fahren und so weiter. Und diese Verbindung zu schaffen, das war ein großes Anliegen von Professor Bruns. Das war mein Doktorvater, auch der Doktorvater von Ludwig Christmann zum Beispiel oder Axel Brockmann. Und er hat das früh erkannt. Und damals waren wir drei genannten Doktoranden bei ihm und haben quasi das von Anfang an mit begleitet.
[SPEAKER 1]
[00:41:09-00:41:11]
Jetzt übernimmt es quasi.
[SPEAKER 2]
[00:41:11-00:41:16]
Und jetzt komme ich in das Alter, wo man dann... Man ist auch die Vorsitzende.
[SPEAKER 1]
[00:41:19-00:41:34]
Okay, aber ist ja auf jeden Fall, das finde ich auch spannend, was du da beschreibst, dass diese Verknüpfung zwischen der Wissenschaft, die ja wirklich auch breit ums Pferd, man vergisst es ja manchmal, wie viel auch rund ums Pferd geforscht wird, auch international.
[SPEAKER 2]
[00:41:34-00:41:56]
Ja, es wird auch noch viel mehr als das, was ich gerade genannt habe. Es geht ja auch richtig in Sozialwissenschaften rein, natürlich auch in die Wirtschaft, ganz klar, betriebswirtschaftlich, auch volkswirtschaftlich. Das ist vielleicht nicht ganz von übergeordneter Bedeutung, aber eben doch auch ein bedeutender. Faktor und auch in die Pädagogik, in die Therapie, das Pferd berührt in die Kultur.
[SPEAKER 1]
[00:41:56-00:41:59]
Das wird immer mehr, würde ich sagen, Pädagogik, Therapie.
[SPEAKER 2]
[00:41:59-00:43:10]
Genau. Das Pferd berührt so viele Bereiche. Das ist wirklich sehr, sehr spannend. Und das ist mir ein großes Anliegen, dass wir uns da auch mit dieser Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft und das Pferd so breit aufstellen, dass wir das auch noch weiterhin mit betrachten. Und es gibt ja da so einen Förderpreis für die besten Bachelor, Master und Arbeiten und Dissertationen. Der wird jedes Jahr ausgelobt. Da kann man sich dann bewerben als Absolvent und reicht dann seine Arbeit ein. Die wird dann von einer Kommission begutachtet und dann gibt es immer eine Preisverleihung. Das ist ganz toll, immer wenn die jungen Leute dann zusammenkommen, die müssen dann einen kleinen Vortrag halten, ihre Arbeit präsentieren, da gibt es noch eine kleine Diskussion. Und das ist für viele dieser jungen Leute das erste Mal, dass sie so eine Präsentation dann halten und fördert den Nachwuchs für die Wissenschaft, aber auch für... Die Wirtschaft, denn da kommen dann auch viele Unternehmer und gucken, gibt es da interessante...
[SPEAKER 1]
[00:43:10-00:43:12]
Wo kann man noch einen spannenden Absolventen abkassen?
[SPEAKER 2]
[00:43:12-00:43:21]
Ja, genau. Also das ist schon dann auch im Nachgespräch häufig so eine kleine Jobbörse sozusagen. Also da sind schon viele gute Dinge daraus entstanden.
[SPEAKER 1]
[00:43:22-00:43:28]
Ihr habt ja letztes Jahr 100 Jahre Hengstparade gefeiert. Das ist auch so ein fester Anker in Marbach.
[SPEAKER 2]
[00:43:30-00:43:40]
sind ja früher einfach Hengstpräsentationen gewesen. Die erste Hengstparade 1925 im Dezember bei Frost und Schnee.
[SPEAKER 6]
[00:43:40-00:43:41]
Im Dezember?
[SPEAKER 2]
[00:43:41-00:43:41]
Ja.
[SPEAKER 6]
[00:43:41-00:43:43]
Wer kam denn auf die Idee?
[SPEAKER 2]
[00:43:43-00:45:17]
Naja, das war einfach eine Präsentation der Hengste für die nächste Decksaison. Und man hat etwas früher angefangen mit dem Decken und dann hat man sich wahrscheinlich gesagt, das machen wir jetzt mal vor Weihnachten. Damit es im Januar, Februar dann losgehen kann. Und das war allerdings, das muss man auch zeitgeschichtlich sehen, davor war es ganz klar, das wurde von oben herab... Zugeteilt, welcher Hengst auf welche Deckstation rausgeschickt wurde. Es gab ja so ein Beschälplattennetz von, ich weiß nicht, über 30 Stationen in Württemberg. Und hatte, damit jeder Bauer das halt an einem Tag schaffen konnte, die Stuten zum Hengst zu reiten und sie wieder mitzunehmen. Und Das war damals hierarchisch von oben ganz klar. Ihr kriegt den Hengst, ihr kriegt den Hengst und so weiter. Und dann in den 20er Jahren ging es los mit der Demokratisierung und die Züchter wollten mitsprechen, die Zuchtvereine. Da gibt es heute noch eine ganze Reihe von Zuchtvereinen. Und dann hat der damalige Landoberstallmeister... Der der erste Zivile war sozusagen. Er war nicht auf... sondern Landwirt Karl Storz, der hat dann gesagt, na gut, dann präsentieren wir die Hengste und die Züchter können sie sich angucken, die Zuchtvereinsvertreter, und dann können wir diskutieren, welcher Hengst wohin geht. Also es ist so ein kleiner...
[SPEAKER 1]
[00:45:17-00:45:19]
Sehr demokratisch eigentlich.
[SPEAKER 2]
[00:45:19-00:46:21]
Ja, genau, ein kleiner Schritt in die Demokratie sozusagen. Und daraus hat sich dann über die Jahrzehnte, wurde die Show immer erweitert. Es blieb erst im Winter immer um die Kirche rum in Offenhausen, in dem Kloster. Auf Eis und Schnee und einer Mistbahn wurden die Pferde dann vorgestellt. Bis man dann während der 30er Jahre und in der Nachkriegszeit eine Pause hatte. Und in den 50er Jahren ging es dann los. Und dann hat man irgendwann verstanden, dass das... Auch eine Attraktion ist für die breitere Bevölkerung und hat dann eben das verlegt in den goldenen Herbst und hat das erst auf einer großen Wiese gemacht. Der Hang war dann die Tribüne. Und dann war das so, ja, in der Nachkriegszeit für die Menschen sowas Tolles, sowas Schönes zu erleben. Dass sie dann 1973 eine große Arena gebaut haben, so ähnlich wie ein Amphitheater in den Hang rein.
[SPEAKER 1]
[00:46:21-00:46:25]
Das ist ja bis heute eindrücklich, die Fotos, wenn man das sieht, das macht ja irgendwie Marbach auch aus, finde ich.
[SPEAKER 2]
[00:46:25-00:46:58]
Wunderbar, mit 8.650 Sitzplätzen. Stimmung drin, wenn wir da dann Hengstparade feiern können. Und diese ganze Geschichte dieser 100 Jahre Hengstparaden haben wir so ein bisschen nachgespielt letztes Jahr in zwei Mal zwei Stunden mit ein paar Gästen. Wir laden ja seit vielen Jahren Gastländer ein und da waren die Schweizer da und haben uns da dieses Mal unterstützt. Und ja, dann gab es historische Schaubilder und eben auch moderne Schaubilder.
[SPEAKER 1]
[00:46:58-00:47:24]
Wie schaust du auf die Trends und auch technologischen Entwicklungen, die es im Zuchtbereich gibt? Embryotransfer, ICSI und so weiter. Ihr kommt ja oder... Die Institution, die du repräsentierst, kommt ja aus einem sehr traditionellen Ansatz, wo es das ja über Jahrhunderte nicht gab. Jetzt sind wir ja in einer Welt, wo sehr viel technologisch auch möglich ist. Wie schaust du auf diese Entwicklung drauf?
[SPEAKER 2]
[00:47:25-00:50:17]
Naja, natürlich haben wir eine lange Geschichte, aber es heißt ja nicht, dass wir immer in der Tradition hängenbleiben, sondern eigentlich waren diese Staatsbetriebe, je nach Landesherr, aber schon Vorreiter. Also wir waren auf der Schwäbischen Alb auch unter den Ersten, die zum Beispiel elektrische Anlagen hatten in den Stallungen und die erste Albtwasserversorgung hatten und so weiter. Das waren ja auch Vorbildbetriebe. Und insofern sind wir durchaus auch, gehören zu den Ersten in Baden-Württemberg, die eine Besamungsstation, hatten. Wir sind EU-Besamungsstation, wir sind Embryotransferstation, wir sind da schon am Ball und versuchen das auch für uns zu nutzen, aber natürlich auch dieses Wissen und diese Fertigkeiten, Fähigkeiten den Züchtern zur Verfügung zu stellen. Und nutzen die Techniken, die wir für sinnvoll erachten. Also Besamung ist nicht mehr wegzudenken. Embryotransfer ist für uns ein Mittel zum Zweck, seltene Linien zu erhalten. Wir haben in der Araberherde eine alte Linie, die auf... Die Gründerstute des Königs zurückführt, die sehr schmal ist und die immer mal wieder kurz davor steht zu erlöschen. Dafür ist es natürlich großartig. Ja, genau. Und dann kann man aus einer Stute dann das wieder etwas erweitern. Bei Opu Ixi, dem stehe ich so ein bisschen, Zwiegespalten gegenüber für so erhaltungswürdige Rassen. Würden wir das einsetzen oder tun wir jetzt auch mit Altwürttemberg-Linien, die... Da gibt es nur noch eine einzige Stute, da probieren wir das jetzt mal. Aber jetzt um, sage ich mal, reihenweise Serienproduktion aus einer Stute dann in Serienproduktion zu gehen, das ist... Das ist nicht so das, was ich jetzt tun würde. Ich weiß, dass das viele inzwischen machen für Sportpferde. Aus der Araberwelt kennt man das auch. Da gibt es Stuten, die haben pro Jahr 20 Nachkommen oder so. Dann muss man natürlich auch die ganze Tierzuchtwissenschaften drauf einstellen, die Zuchtprogramme ändern, weil man eigentlich ja immer davon ausgeht, dass eine Stute sehr viel weniger Nachkommen hat als ein Hengst. Das ändert sich jetzt. Dadurch können sich auch Zuchtprogramme verschieben und so weiter. Und was Klonen angeht, das ist Tierzucht wissenschaftlich Konsens, dass das züchterisch uns jetzt nicht so sehr viel weiterbringt.
[SPEAKER 7]
[00:50:17-00:50:19]
Hat sich jetzt auch nicht weiter durchgesetzt.
[SPEAKER 2]
[00:50:19-00:51:45]
Hat sich nicht weiter durchgesetzt, ja. Also insofern denke ich immer, natürlich kann man diese ganzen... Techniken anwenden, auch auf das Pferd, wie bei anderen landwirtschaftlichen Nutztieren auch. Aber man muss sich eben fragen, inwieweit ist das sinnvoll? Sind wir eine Branche, in der wir viele gleiche Produkte auf den Markt bringen wollen? Oder ist nicht gerade der Reiz an dieser ganzen Pferdeszene, dass es sehr individuell ist? Und letztendlich ist es das ja nachher auch. Kaum haben wir dieses Produkt, wenn man das so nennen möchte, am Markt als dreijährigen oder vierjährigen Angerittenen, dann wird er verkauft und geht in... Den Stall, den Stall oder den Stall und dann kommt es sehr auf das Management an. Und das ist so individuell, dass es mit Serienproduktion ja gar nichts zu tun haben kann, meines Erachtens. Insofern spricht auch das für mich dagegen. Es gibt Suchtbetriebe, die das tun. Und je weiter wir uns aus dieser landwirtschaftlichen, kleiner strukturierten... Züchterschaft leider entfernen, umso mehr werden wir damit konfrontiert sein, glaube ich, auch in Zukunft.
[SPEAKER 1]
[00:51:47-00:51:49]
Wie sieht die Züchterschaft der Zukunft aus, aus deiner Sicht?
[SPEAKER 2]
[00:51:49-00:51:52]
Ja, das ist die gute, große Frage.
[SPEAKER 1]
[00:51:52-00:52:14]
Das fragen sich ja alle. Aber wenn man jetzt sagt, okay, diese ländliche Zucht, die geht zurück und glaube, das ist jetzt auch Konsens, sieht man ja auch überall. Was ist dann die Zukunft? Sind es große Zuchtstätten? Sind es vielleicht auch Privatleute, die in großen Zuchtstätten ihre Stuten haben und da ein bisschen Spaß dran haben? Was ist es aus deiner Sicht?
[SPEAKER 2]
[00:52:14-00:52:37]
Es wird es alles geben, so wie es jetzt auch gibt. Der große Umbruch ist, glaube ich, wirklich der Strukturwandel in der Landwirtschaft und damit einhergehend die landwirtschaftliche Pferdezucht. Die ist ja deutlich zurückgegangen in mehreren Wellen und jetzt sind wir gerade mitten wieder in so einer Welle, was auch mit den Generationen zu tun hat, den menschlichen Generationen.
[SPEAKER 1]
[00:52:38-00:52:39]
Die nächste Generation will nicht weitermachen.
[SPEAKER 2]
[00:52:40-00:54:53]
Ja, die haben sehr gut in der Berufsschule aufgepasst oder im Studium und wissen, dass das alles viel Geld kostet, dieser Betriebszweig. Und alles, was zu viel Geld kostet und zu wenig einbringt, wird dann abgestoßen. Oder sie haben einfach diese Leidenschaft nicht für diese Tiere, die tagtäglich ja auch Zuwendung und Arbeit brauchen. Das ist, glaube ich, der größte Umbruch. Es wird aufgefangen teilweise, Dadurch, dass Reiter angefangen haben zu züchten oder auch schon immer wieder gezüchtet haben. In Corona-Zeiten war das jetzt deutlich zu sehen, dass doch eine ganze Reihe Reiter angefangen haben zu züchten und auch weitermachen. Bei manchen war es so eine Eintagsfliege, aber bei einigen ist es doch auch hängen geblieben. Was spannend ist, weil sie natürlich leistungsgeprüfte Stuten haben, mit denen sie dann weiter züchten und sie dann auch diese Pferde selber wieder in den Sport bringen können. Das war ja in landwirtschaftlichen Kreisen teilweise verloren gegangen durch auch den Rückgang der ländlichen Reiterei. Da war es ja eigentlich üblich, dass die Landwirtskinder losgezogen sind mit den Pferden am Wochenende aufs Turnier und unter der Woche waren es Arbeitspferde. Das ist ja tatsächlich jetzt nicht mehr so verbreitet und insofern ist das eine Chance und die Großbetriebe... Das wird es immer geben, denke ich mal. Je nachdem, wie man das interpretiert, was groß ist. Ob Schockemühle ist jetzt natürlich riesengroß. Aber es gibt ja auch große Betriebe in 20 Stuten. Das ist für mich schon ein größerer Pferdezuchtbetrieb. Und auch die wird es geben und die werden kommen und gehen. Und was sicherlich verloren geht und was... dass man auch nicht durch Technik oder durch künstliche Intelligenz oder alle Zuchtprogramme, Zuchtwirt Schätzung oder genomische Selektion ersetzen kann, ist so dieses Feeling der alten Züchterfamilien.
[SPEAKER 1]
[00:54:53-00:54:55]
Wie passt das alles zusammen?
[SPEAKER 2]
[00:54:55-00:55:15]
Die kennen ihre Stuten seit... Generationen und die wissen genau die Eigenschaften dieser Stuten und haben es im Gefühl, welche Hengste dazu passen können, beschäftigen sich halt tagtäglich nicht nur mit den Pferden, sondern auch mit der Möglichkeit, welchen Hengst man anpaart und so weiter. Und das...
[SPEAKER 1]
[00:55:16-00:55:19]
War das ja unwiederbringlich verloren. Das lässt sich ja nicht aufholen.
[SPEAKER 2]
[00:55:19-00:55:52]
Das ist es. Was aber trotzdem ja funktioniert, was uns tierzuchtwissenschaftlich angehauchte Leute dann immer so ein bisschen beruhigt ist, das geht ja trotzdem weiter. Und wir haben ja Zuchtfortschritte gemacht in den letzten Jahrzehnten. Die sind ja unglaublich eigentlich. Gut, da waren diese alten Züchter noch da. Die sind ja teilweise auch noch da. Und die haben ja auch... Ein bisschen geht es immer weiter. Und wir haben fantastische Pferde gezüchtet in der letzten Zeit.
[SPEAKER 1]
[00:55:54-00:55:57]
Da hat man ja nicht das Gefühl, dass da ein Strömungsabriss ist.
[SPEAKER 2]
[00:55:57-00:56:50]
Worauf wir, glaube ich, achten müssen, ist, dass wir nicht nur auf die Leistung schauen und nicht nur auf die Mode schauen und diesen neuen... Züchtern immer wieder sagen, verkauft nicht nur die Fohlen, behaltet auch mal welche, seht selber, wie die sich entwickeln, wie man sie ausbilden kann, ob sie gesund bleiben. Das ist, glaube ich, jetzt unsere größte Aufgabe, dass wir Pferde züchten, die handelbar sind, die reitbar sind, auch für Menschen, die jetzt nicht sofort in den Leistungssport wollen, sondern wirklich Freude haben wollen und da reinwachsen wollen. Die gesund bleiben. Wir können es, glaube ich, weder der eigenen Branche noch der Gesellschaft erklären, dass wir Tiere züchten, die nach ein paar Jahren den Belastungen oder einfach dem ganz normalen Dasein nicht mehr gewachsen sind. Das ist, glaube ich, ganz, ganz, ganz wichtig. Und in der Verantwortung stehen wir alle.
[SPEAKER 1]
[00:56:51-00:57:02]
Hier bei uns im Podcast gibt es immer vier Fragen, die sogenannten klassischen vier WeHaus-Fragen. Und Frage Nummer eins ist, hast du ein Motto, nach dem du lebst?
[SPEAKER 2]
[00:57:06-00:57:33]
Ich habe das nicht aufgeschrieben, aber ich lebe so, dass ich mir selber immer in den Spiegel schauen kann, dass ich meinen Pflichten und meiner Verantwortung nachkomme, aber dennoch auch oder gleichzeitig meinen Mitmenschen mit viel Respekt. Und auch ein bisschen Humor gegenüber trete.
[SPEAKER 1]
[00:57:34-00:57:37]
Wie verträgt das der Schwabe an sich, ein bisschen Humor? Sind die humorvoll, die Schwaben?
[SPEAKER 2]
[00:57:38-00:58:03]
Ja, sie sind humorvoll. Ich kann auch so ein bisschen Ironie, das ist schwierig zu verstehen. Aber ich mag die Schwaben sehr. Es sind wirklich sehr liebenswerte Menschen, die... Tatsächlich so schaffig sind, wie man das immer sagt. Und sehr naturverbunden da oben auf der Schwäbischen Alb. Wirklich mit der Natur, in der Natur leben. Das ist besonders.
[SPEAKER 1]
[00:58:04-00:58:07]
Gibt es eine Kehrwoche in Marbach auf dem Landgestüt?
[SPEAKER 2]
[00:58:07-00:58:08]
Jeden Tag.
[SPEAKER 1]
[00:58:08-00:58:17]
Jeden Tag. Jeden Tag ist Kehrwoche. Dann Frage Nummer zwei. Gibt es einen Menschen, der dich im Hinblick auf die Pferde besonders geprägt hat?
[SPEAKER 2]
[00:58:19-00:59:00]
Ich würde meine Eltern nennen wollen. Beide zugleich und doch unterschiedlich. Mein Vater mit einer sehr geradlinigen, schon fast preußischen Art, der ja auch ein sehr guter Vielseitigkeitsreiter war. Mit einem riesengroßen Faible für blutgeprägte Pferde. Und meine Mutter, die auch sehr gut reiten gelernt hat bei Tempelmann und Stecken und so weiter, die sehr auf diese klassische Art aufgepasst hat bei uns, aber auch im Umgang uns sehr geschult hat mit den Pferden.
[SPEAKER 1]
[00:59:02-00:59:11]
Okay, dann Frage Nummer drei. Wenn du Reitern bzw. Pferdemenschen eine Sache im Umgang mit ihren Pferden auf den Weg geben könntest, was wäre es?
[SPEAKER 2]
[00:59:13-00:59:15]
Liebe und Respekt. Jeden Tag.
[SPEAKER 1]
[00:59:17-00:59:20]
Und dann vervollständige diesen Satz, Pferde sind für mich.
[SPEAKER 2]
[00:59:21-00:59:32]
Faszinierende Lebewesen, die mein Leben geprägt haben und mein Leben weiter prägen. Ich denke, ich werde nie auslernen in dem Bereich.
[SPEAKER 1]
[00:59:32-00:59:34]
Wie häufig sitzt du selber noch im Sattel?
[SPEAKER 2]
[00:59:35-00:59:36]
Sehr selten.
[SPEAKER 1]
[00:59:36-00:59:37]
Das heißt sehr selten.
[SPEAKER 2]
[00:59:38-01:00:04]
Eigentlich gar nicht mehr. Gar nicht mehr. Nee, leider nicht. Das große Gestüt zu leiten. braucht viel Zeit natürlich auch zu ganz normalen Bürozeiten, wenn auch draußen im Betrieb geritten wird und morgens und abends. Es bleibt dann nicht viel vom Tag übrig und am Wochenende sowieso nicht, weil ja immer Veranstaltungen sind.
[SPEAKER 1]
[01:00:05-01:00:13]
Ja gut, und Vivian Goertz, du bist ja eigentlich Managerin. Also du bist ja offiziell, steht der Titel drauf, aber du bist ja eine Managerin von einem mittelständischen Betrieb.
[SPEAKER 2]
[01:00:13-01:00:14]
Das kann man so sehen, ja.
[SPEAKER 1]
[01:00:16-01:00:21]
Liebe Astrid, vielen Dank. Schön, dass du da warst und weiterhin alles Gute.
[SPEAKER 2]
[01:00:21-01:00:24]
Ja, sehr gerne. Vielen Dank für das gute Gespräch. Hat mir viel Spaß gemacht.
[SPEAKER 1]
[01:00:24-01:00:25]
Ciao, ciao.
[SPEAKER 2]
[01:00:25-01:00:26]
Ciao.
[SPEAKER 1]
[01:00:31-01:00:51]
Das war die aktuelle Folge des WeHouse Podcasts. Falls du Feedback hast, lass gerne einen Kommentar da auf Spotify, auf Social Media. Schick uns eine E-Mail podcast at wehouse.com. Wir lesen wirklich alles und arbeiten gemeinsam mit dir und euch, den Podcast immer weiter zu verbessern. Und wir hören uns das nächste Mal beim WeHouse Podcast.





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