Jungpferdeausbildung - eine Welt voller Möglichkeiten!

Jeder Reiter freut sich über ein leistungsbereites und motiviertes Reitpferd, das gut erzogen und angenehm zu reiten ist. Ein junges Pferd ist jedoch wie ein kleines Kind, das noch nicht lesen, schreiben und rechnen kann. Es weiß noch nichts von den Wünschen seiner späteren Reiter und muss grundlegend und Schritt für Schritt an die neuen Aufgaben herangeführt werden. Die Jungpferdeausbildung ist also vergleichbar mit dem Kindergarten und der Grundschule. Das junge Pferd sollte an die Jungpferdeausbildung und die Anforderungen, die dort auf es zukommen, langsam und behutsam herangeführt werden. Werden zu früh hohe Anforderungen gestellt, dann kann das Jungpferd das Vertrauen zum Menschen und seine Lebensfreude verlieren. Im Alter von drei bis vier Jahren wird meistens, abhängig von der Rasse und der individuellen Entwicklung und Reife, mit der Ausbildung zum Reit-, Fahr- oder Voltigierpferd begonnen. Wie Menschen entwickeln auch Pferde ihren Körperbau und die jeweilige Konstitution unterschiedlich schnell. Auch die Psyche und Konzentrationsfähigkeit des Pferdes spielen eine Rolle. Je nach Reitweise und Trainingsphilosophie unterscheidet sich die Ausbildung eines Jungpferdes. Das grundsätzliche Ziel, die behutsame Gewöhnung des Pferdes an seine späteren Aufgaben, bleibt jedoch gleich.

Grundlagen der Jungpferdeausbildung

Nach der Fohlenzeit auf der Weide, in der das Pferd heranwächst und Sozialverhalten unter Pferden erlernt, kann es langsam auch mit den Anforderungen der Jungpferdeausbildung vertraut gemacht werden. Praktisch zählt jede Beschäftigung mit dem Pferd bereits zur Jungpferdeausbildung, da es so lernt, mit Menschen zu kommunizieren. Auch sich anbinden zu lassen und ruhig am Halfter stehen zu bleiben, wird am besten frühzeitig geübt. Außerdem lernt es in der Jungpferdeausbildung, sich überall berühren zu lassen und die Hufe zu geben. Um es auf die Ausbildung als Reit-, Fahr- oder Voltigierpferd vorzubereiten, fängt man langsam und behutsam an. Aufhalftern, von der Weide führen und ein kleiner Spaziergang sind als erste kleine Trainingsübungen sinnvoll. Dabei steht immer im Fokus, das junge Pferd nicht zu überfordern, indem man zu viel von ihm verlangt oder zu lange mit ihm übt. Beim Jährling reichen anfangs kurze Trainingseinheiten von etwa zehn Minuten, die nach und nach verlängert werden können.

Erste Ausbildungsschritte

Anlongieren des jungen Pferdes

Wenn das Pferd die körperlichen und psychischen Voraussetzungen dafür erfüllt, kann im nächsten Schritt der Jungpferdeausbildung mit dem Anlongieren begonnen werden. Beim Longieren wird der gesamte Muskelapparat, die Sehnen und Bänder des Pferdes beansprucht und trainiert. Darauf sollte beim Training Rücksicht genommen werden, um körperliche oder psychische Überlastung zu vermeiden. Eine Überforderung könnte langfristig negative Wirkungen auf die Entwicklung des Pferdes haben. Damit es nicht dazu kommt, sollten die Trainingsabschnitte nicht zu lang sein. Wie ein kleines Kind hat auch ein Jungpferd noch eine kurze Konzentrationsspanne. Zu Beginn der Gewöhnung an die Longe ist es hilfreich, eine weitere Person als Helfer dazuzuholen. Der Longenführer steht hierbei in der Zirkelmitte, während die zweite Person das Pferd auf die Zirkellinie führt und dort neben ihm mitgeht, bis es sicher auf der Zirkellinie bleibt. Auch beim Handwechsel unterstützt der Helfer das Pferd mit seiner Führung. So lernt das Jungpferd an der Longe zu laufen und entwickelt sein Gleichgewicht auf dem Zirkel. In der ersten Zeit sollten noch keine Ausbindezügel verwendet werden, damit das Pferd seine Balance besser finden kann. Wenn man nach einiger Zeit Ausbinder verwenden möchte, dann sollten sie gleich lang geschnallt werden, da das Pferd sein Gleichgewicht auf dem Zirkel noch finden muss.

An das Gebiss gewöhnen

Beim ersten Auftrensen ist viel Geduld und Ruhe gefragt, damit das junge Pferd das Gebiss in positiver Erinnerung behält. Am besten findet dieser Ausbildungsschritt in einer gewohnten Umgebung wie beispielsweise der Box statt. Einige Pferde nehmen das Gebiss sofort neugierig an, bei anderen kann etwas Futter und guter Zuspruch helfen. Ein eindeutiges Lob, in welcher Form auch immer, bestätigt das Pferd in seinem Verhalten und motiviert es.

An den Sattel gewöhnen

Ein wichtiger Teil der Jungpferdeausbildung ist die Gewöhnung an den Sattel. Sinnvoll ist es, wenn man mit dem Anlegen eines Longiergurts beginnt, damit sich das Pferd schon einmal daran gewöhnt, einen Gurt um den Bauch zu tragen. Wenn das problemlos möglich ist, legt man schließlich auch behutsam den Sattel auf. Wichtig ist hierbei, nicht zu fest anzugurten, sondern auch diese neue Erfahrung langsam und mit Geduld anzugehen. Hilreich ist auch hier eine helfende Person, welche am Kopf des Pferdes steht und es beruhigt. Damit sich das Pferd an die Bewegungen mit dem Sattel gewöhnt, wird es üblicherweise zunächst im Schritt geführt und später mit Sattel longiert.

Anreiten des Jungpferdes

Lässt sich das junge Pferd ohne Widerstand satteln und mit Sattel longieren, wird es an das Reitergewicht gewöhnt. Dafür legt sich der Reiter zunächst nur über den Sattel – erst im Stand und später im Schritt während das Pferd geführt wird. Für das erste Aufsitzen empfiehlt sich die Reithalle, um die Konzentration des Pferdes nicht durch Umweltreize zu beeinflussen. Auch hierbei vermittelt das Führen des Pferdes an der Longe durch einen Helfer Sicherheit. Schritt für Schritt wird das Pferd an das freie Reiten ohne Longe herangeführt. Auch ein erwachsenes Pferd kann sich nur wenige Minuten voll konzentrieren, daher sind in der Jungpferdeausbildung Pausen und eher kurze Übungssequenzen geraten.

Lernen der Reiterhilfen

Grundlage jeder systematischen Jungpferdeausbildung sind die Dressurlektionen und die dazu verwendeten Reiterhilfen. Das junge Pferd kennt noch keine Schenkelhilfen, daher muss erst noch lernen, dass dies ein treibendes Signal ist. Bereits in der Ausbildung an der Longe lernt das Pferd die Longierpeitsche als treibende Hilfe kennen. So kann man ihm auch an der Longe beibringen, dass das Anlegen der Schenkel dieselbe Bedeutung hat. Es versteht nach und nach den Sinn von Schenkel- und Zügelhilfen und lernt schließlich auch, feinere Hilfen anzunehmen.

Weiterführende Arbeit

Verfeinerung der Abstimmung

Die Grundausbildung des jungen Pferdes läuft in mehreren Phasen ab, die letztlich das Ziel haben, Durchlässigkeit zu entwickeln, um auf die Hilfen des Reiters gut reagieren zu können. Die Ausbildungsskala der FN beginnt mit der sogenannten Gewöhnungsphase, in der Takt, Losgelassenheit und Anlehnung erreicht werden sollen. Als Takt wird ein Bewegungsablauf im gleichmäßigen Rhythmus bezeichnet, der in allen Grundgangarten und Sprüngen zu erkennen ist. Taktfehler zeigen an, dass die Ausbildung hier noch nicht abgeschlossen ist. Losgelassenheit zeigt sich durch die körperliche und psychische Entspanntheit des Pferdes und ist sehr wichtig für die weitere Ausbildung. Ein losgelassenes Pferd dehnt seinen Hals und geht mit schwingendem Rücken entspannt vorwärts, schnaubt ab und wirkt zufrieden. Anlehnung ist die stetige und weiche Verbindung zwischen der Hand des Reiters und dem Maul des Pferdes über das Gebiss. Sie hilft dem Pferd, sein Gleichgewicht in der Bewegung zu finden. Hierbei soll eine weiche Zügelverbindung hergestellt werden.

Gymnastizierung

Die Jungpferdeausbildung hat die Gymnastizierung des Pferdes und die Entfaltung seiner Anlagen zum Ziel. Das Pferd wird so trainiert, dass es die Anforderungen, die der Reiter stellt, jederzeit gut erfüllen kann und selbst dabei gesund bleibt. Auch die psychische Konstitution des Pferdes ist dabei von Bedeutung. So soll die Ausbildung abwechslungsreich und motivierend sein, damit das Pferd nicht seine Freude an der Arbeit verliert. Abwechslung und eine sinnvolle Trainingsergänzung bieten beispielsweise Ritte ins Gelände, Bodenarbeit oder auch Freispringen.

Spezialisierung auf einzelne Disziplinen

Nicht zu frühzeitig spezialisieren

Nach dem Anreiten wird meistens ein Jahr für die Ausbildung bis zur Klasse A kalkuliert. Dabei sollte das Pferd eine möglichst breite und vielseitige Jungpferdeausbildung mit einer guten Gymnastizierung erhalten, damit es seine Durchlässigkeit und Geschmeidigkeit erhält. Bei starker einseitiger Belastung könnte diese beeinträchtigt werden. Je nach individuellem Talent und Möglichkeiten kann nach der Grundausbildung dann die weitere Ausbildung in der Spezialdisziplin beginnen.

Dressurreiten

Die FN sieht nach der Erarbeitung von Takt, Losgelassenheit und Anlehnung in ihrer Ausbildungsskala drei weitere Abschnitte vor. Diese führen zur Entwicklung der Schubkraft und der Tragkraft des Pferdes: Schwung, Geraderichten und Versammlung. Mit Schwung ist die kraftvolle Bewegung des Pferdebeins nach vorne in der Schwebephase beim Trab und Galopp gemeint. Ein schwungvoll gehendes Pferd setzt den Impuls aus dem Abfußen über den schwingenden Rücken in eine energische Vorwärtsbewegung um. Geradegerichtet ist ein Pferd, wenn es mit seiner Längsachse an die Hufschlaglinie angepasst ist. Das bezieht sich auch auf die Zirkellinie. Das heißt, hier ist das Pferd in Richtung des Zirkels gebogen. Das Geraderichten dient dem Ausgleich der angeborenen Schiefe. Erst ein geradegerichtetes Pferd kann schließlich zum letzten Punkt der Skala in der Jungpferdeausbildung kommen – der Versammlung. Dies ist ein verstärktes Aufnehmen der Last mit der Hinterhand, so dass die Vorderbeine entlastet werden. Das Pferd soll sich dabei mit stärker gebeugten Hanken und in erhabener Haltung selbst tragen. Die Schrittlänge wird kürzer, jedoch bei gleichbleibender Aktivität und gleichbleibendem Schwung. Die Versammlung dient der Gesunderhaltung von Muskeln, Sehnen und Gelenken und der Trittsicherheit des Pferdes, da sein natürliches Gleichgewicht durch das Gewicht des Reiters nach vorne verlagert und auf diese Weise ungünstig beeinflusst wird.

Springreiten

Ein weiterer Baustein in der vielseitigen Jungpferdeausbildung ist die Springgymnastik. Sie trägt zur Entwicklung der Geschmeidigkeit und Geschicklichkeit des jungen Reitpferdes bei. Wenn das Pferd bereits durch Freispringen an Hindernisse gewöhnt ist, wird es leichter über Cavaletti und Stangen gehen. Das Heranführen an Sprünge geschieht langsam und stufenweise, zunächst mit Hilfe von Cavaletti, über die im Schritt und Trab geritten wird. Danach können aus dem Galopp einzelne, höhere Cavaletti übersprungen werden. Später kommen einzelne kleine Sprünge hinzu, wobei zusätzlich aufgestellte Fänge als Orientierung dienen und das Ausbrechen vor dem Sprung verhindern.

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