reiten-pferdefreundlich

Pferdewohl fördern: Was sich im Reitsport ändern muss

Mit Pferdwohl hat das nichts mehr zu tun: Auf dem Abreiteplatz der großen und internationalen Turniere findet man häufig erschreckende Bilder. So auch auf dem CHIO in Aachen, das im Jahr 2019 Schlagzeilen machte, die auch bei der breiten Nicht-Reiter Öffentlichkeit die Runde machten. Mir wurde Angst und Bange. Als ich die Kommentare auf facebook unter dem WDR-Beitrag von Quarks & Co las, dachte ich nur: Shit. So viele Leute schrieben, dass Reiten oder Dressurreiten Tierquälerei wäre. Also, wie können wir das Thema Pferdewohl im großen Reitsport fördern und der Öffentlichkeit beweisen, dass pferdefreundliches Reiten keine Tierquälerei ist?

Inhalt

  1. Wie der Reitsport sich in Verruf bringt
  2. Wieso jeder Reiter darunter leidet
  3. Was Reiter für mehr Pferdewohl im Sport machen können
  4. Was soll sich ändern?
  5. Die Mission von wehorse
  6. Wie Sport und Pferdewohl sich vereinen können

Wie der Reitsport sich in Verruf bringt

Erst der Beitrag von Quarks & Co , der Missständnisse beim Abreiten anprangerte. Dann eine Woche später kam ein Artikel in der Süddeutschen Zeitung. Berichtet wurde über das Anliegen, die Blood Rule aufzuweichen: Also vielleicht doch unter gewissen Umständen Paare nicht zu disqualifizieren, wenn Blut am Pferd sei. Parallel dazu war gerade ein PETA-Artikel im Umlauf, dass der CHIO Aachen Tierquälerei wäre. Nie zuvor habe ich das Gefühl gehabt, dass die öffentliche Meinung so kippt, und die Reitszene so sehr in Gefahr ist.

Mit schöner Regelmäßigkeit hat sich der Pferdesport in den letzten Jahrzehnten einen Skandal nach dem anderen geleistet. Da war der Barr-Skandal, die Grunsven-Rollkur-Ära, eine Distanz-WM mit grausamen Szenen. Doch nie wurden alle Reiter so schnell in die gleiche Schublade namens Tierquäler gesteckt. Mittlerweile scheint es für die breite Öffentlichkeit undenkbar, dass Reiten- und sogar der hohe Turniersport- mit dem Pferdewohl vereinbar sein kann.

Auf dem Abreiteplatz sieht man häufig Bilder, die mit Pferdewohl nichts mehr zutun haben

Wieso jeder Reiter darunter leidet

Zugleich ist die Situation heute sowieso schwieriger für alle Pferdehalter, als sie es vor zehn oder 20 Jahren war. Wir haben aktuell Diskussionen um Pferdesteuern, bangen um Landgestüte, den Vereinen fehlt der Nachwuchs – oder der Nachwuchs mit Zeit –, und es wird immer schwieriger für Züchter.

Und was passiert im Sport, da ganz oben, wo auch die Nichtreiter-Öffentlichkeit hinguckt? Da wird ein Antrag gestellt, ob man die Blood Rule kippen könnte. Na herzlichen Glückwunsch. Blut im Viereck oder Stadion. Ganz geschickt. Oder: Es wird rumgezerrt im Maul, so dolle, dass jedem Laien auffällt, dass das wohl wenig harmonisch ergo tierfreundlich ist. Pferdwohl beim Reiten? Fehlanzeige!

Es ist aber auch völlig egal, ob es nun dieses Video ist oder irgendein anderes in der Zukunft: Tatsache ist, auf Abreiteplätzen wird auch, und ich sage bewusst auch, unschön abgeritten. Das ist nicht zu bestreiten.

Was da gerade passiert, ist ein Lehrstück, wie sich ein Sport selbst ins Abseits befördert, ohne es zu merken. Und es geht um viel: Wenn der Spitzen-Reitsport die öffentliche Akzeptanz von Reiten und Pferdehaltung verspielt, haben wir, alle Pferdeliebhaber, ein echtes Problem.

Also was tun?

Turniersport und Pferdewohl müssen sich nicht ausschließen

Was Reiter für mehr Pferdewohl im Sport machen können

Spontan setzte ich einen Video-Kommentar auf facebook. Er wurde zigfach geteilt und von mehr als 70.000 Leuten angesehen. Darin sagte ich all das, was da oben steht, inklusive dem Aufruf, mal besser nachzudenken, wen man bejubelt – Beispiel Millioneneinkäufe auf Hengstschauen von zwielichtigen Personen.

Daraufhin entstand der Hashtag #BetterHorsesport. Einfach, um der Mehrheit, den Normalo-Reitern, uns, eine Stimme zu geben. Um sagen zu können: Wir wollen einen pferdefreundlichen und fairen Sport – denn Ihr Spitzensportler seid unser Gesicht in der Nichtreiter-Öffentlichkeit! Es geht darum, sichtbar zu werden als große Mehrheit. 

Genau das ist der Punkt, an dem ihr alle ansetzen könnt. Wer von Euch ebenso die Nase auch voll hat von schlechten Bildern aus dem Sport – nutzt den #BetterHorsesport um eure Beiträge, egal ob Foto oder Text oder Video, damit auf facebook oder instagram zu markieren. Äußert Wünsche an den Sport, erzählt, was ihr daran liebt und was ihr geändert haben möchtet. Sicherlich: Es ist ein Anfang. Aber wenn wir Reiter schweigen, dann können wir uns auch nicht beklagen, wenn wir irgendwann die gesellschaftliche Toleranz, Akzeptanz oder sogar Unterstützung für diese wunderbare Leidenschaft verspielt haben.

Macht mit! Werdet laut und wahrnehmbar!

Auch Turnierpferde brauchen Urlaub

Was soll sich ändern?

Unsere Meinung soll sichtbar werden! Wir wollen einen fairen Pferdesport, einen harmonischen, tierfreundlichen, der uns als Pferdemenschen wiederspiegelt. Jeder Reitsportler, jeder Pferdemensch, der den Gedanken teilen kann, kann das ganz simpel äußern und seine Meinung kundtun. Wir Reiter und Pferdehalter sind Millionen! Lasst uns das zeigen – und so für guten Sport einstehen. Damit das Pferdewohl im Reitsport wieder im Vordergrund steht und nicht die Jagd nach Schleifen, Preisgeld oder Prestige. Und damit das im hohen Sport ankommt, muss man auch schon in den niedrigeren Klassen das Thema Pferdwohl und pferdefreundliches Reiten auf dem Turnier zur Mission machen: Dazu sollte auch das Bewerten und Kontrollieren der Reiterei auf dem Abreiteplatz gehören und das Honorieren eines gut gerittenen und ausgebildeten Pferdes- ganz ohne spektakuläres Gestrampel.

Die Mission von wehorse

Uta Gräf behält auf dem Turnier immer das Pferdwohl im Blick

Und ja, das ist nur ein Puzzlestein. Pferdegerechte Ausbildung und Blickschulung von der Basis an aufwärts gehören auch dazu. Aber darum kümmern wir uns hier bei wehorse – und das aus gutem Grund! Unsere Mission ist das Beste aus Reiter und Pferd herauszuholen, und zwar immer mit dem Pferdewohl und dem Spaß im Vordegrund. Daher bieten wir Kurse aus sovielen unterschiedlichen Sparten an, da der Blick über den Tellerrand für jeden Reiter wichtig ist. Deshalb suchen wir bei wehorse, Ausbilder, die fair arbeiten und erfolgreich sind. Uta Gräf, Ingrid Klimke, Anja Beran und all die anderen wehorse-Ausbilder sind fantastische Pferdemenschen.

Hier ist einer, den ich persönlich außerdem noch ganz wunderbar finde: Springreiter Luca Moneta. Er zeigt, dass man auch ein Spitzenpferd für einen Urlaub in die Herde schicken kann, und kombiniert Springsport und Horsemanshiparbeit. Der Mann ist italienischer Springreiter und reitet international in der obersten Liga. Das große Aber: Fast alle seine Pferde waren mal Burn-out-Kandidaten. Die nicht mehr sprangen, die frustriert waren und nichts Gutes mehr vom Menschen erwarteten. Er bekommt sie alle wieder auf seine Seite. Er hält sie gut, er reitet fein und im Gegenzug geben sie im Parcours alles für ihn.

Ingrid Klimke steht für erfolgreiches Reiten und Pferdewohl

Wie Sport und Pferdewohl sich vereinen können

Kennengelernt habe ich ihn, als ich für einen Artikel auf der Suche war nach sauer gerittenen Pferden, die wieder funktionierten. Durch einen Tipp, erfuhr ich von Luca Moneta. Denn viele seiner Pferde waren zuvor nicht mehr reitbar. Dass er sie wieder auf seine Seite bekommt, hat sich bald herum gesprochen. Und so zog ein Spezialfall nach dem nächsten ein. Für einige von diesen Pferden gelten besondere Deals – sein Spitzenpferd Jesus darf zum Beispiel immer wieder mal Urlaub in der Herde machen. Freiheit auf einigen Hektar, mit andren Pferden gemeinsam – undenkbar für viele Profipferde. Dieses Pferd braucht das, und deshalb bekommt es auch diese Freiheit, sagt Luca Moneta.

Der Mensch ist beeindruckend. Und auch sein Rezept, mit anderen Reitern umzugehen, die selbst einen anderen Weg eingeschlagen haben. Er sagte diesbezüglich einmal zu mir, dass er denkt, dass Kritik nicht zum Umdenken führen wird. Erst, wenn man einen anderen Weg anbietet, der aber auch zum sportlichen Ziel führt, dann wird sich etwas verändern. Hier im Original, in leicht gebrochenem Englisch (stellt Euch den italienischen Akzent dazu vor):

„Everyone starts to ride horses because they love horses. Sports often make you forget why you ride horses.“

„What they do in dressage and show-jumping – it is great! But if we show them that they can get the same result without forcing, then they will love it!“

„My message: All what they do is perfect. And I really think that they are a very good riders. But they can improve the way together. If they take more emotion and mind and the spirit of the horse with them. They will get a different result with the horse being more collaborative.“

Es ist also eigentlich ganz einfach. Beispiel werden, Beispiel sein. Ohne Selbstherrlichkeit, ohne Überheblichkeit. 

Das wird seine Wirkung zeigen, über kurz oder lang.

Share this post

Share on facebook
Share on whatsapp
Share on twitter
Share on linkedin
Share on pinterest
Share on email

Das könnte dich auch interessieren