Schenkelweichen nicht vergessen! Warum diese Lektion so gut ist. Ach was, glücklich macht!

Reiterin im Vordergrund ohne Pferd, Pferd unscharf im Hintergrund

Ein Gastbeitrag vom Blog www.alifewithhorses.de

Müsste ich die Lektion wählen, die mich am meisten weitergebracht hat in der letzten Zeit, grundsätzlich, dann wäre es das Schenkelweichen.

„Oh mein Gott! Hat die Frau denn gar keine Ahnung? Ist sie eine Anfängerin im Sattel? Wie kann man nur so eine Pseudo-Lektion so betiteln?“

Das mag vielleicht so mancher denken, der das hört. Schenkelweichen ist kein Seitengang. Und genießt überwiegend nur im Einsteigerunterricht eine Daseinsberechtigung. Oder in der Ausbildung junger Pferde, wenn sie die diagonale Hilfengebung kennen lernen. So die Ansicht weitläufig. Schenkelweichen ist sogar etwas, das viele Ausbilder aus dem Programm wieder ganz schnell streichen, wenn es einmal bekannt ist, Pferd wie Reiter. Dafür gibt’s auch gute Gründe. Ich finde jedoch, dass die Gründe, die für das immer wieder mal Abfragen des Schenkelweichens sprechen, überwiegen. Und damit bin ich nicht alleine.

Variationen vom Schenkelweichen

Dabei spreche ich nicht vom Schenkelweichen der Bande entlang, Kopf in Richtung Bande. Ich nutze viel lieber ein Schenkelweichen quer durch die Bahn: auf der Diagonalen oder als Viereck verkleinern und vergrößern oder auf dem Zirkel. Es hilft nämlich enorm, das Pferd mit dem inneren Schenkel an den äußeren Zügel zu schicken.

Das ist mir natürlich nicht allein aufgefallen, wie auch. Ich habe es vor allem im Unterricht mit Alizée Froment und Sara Oliveira als wertvolles Werkzeug kennen gelernt. Bei den beiden gehört es so gut wie immer in verschiedenen Varianten zur Schritteinheit einer Trainingsstunde und wird auch später im Trab geritten. Und zwar auch bei weiter ausgebildeten Pferden. Alizée kennen wahrscheinlich alle, die hier mitlesen, Sara Oliveira ist eine Dressurreiterin aus Belgien, die Enkelin vom großen Nuno Oliveira (nicht zu verwechseln mit Manolo Oliveira, Oliveiras gibt es wie Schmitz und Müllers), und eine enge Freundin von ihrer heutigen Mentorin Alizée Froment.

Welche Ausbilder auf das Schenkelweichen nicht verzichten

Die beiden sind natürlich nicht die einzigen, die diese Übung immer wieder mal einbauen: Dressurausbilder David de Wispelaere berichtet gerade von seiner neuen Stute und deren Korrektur auf Instagram, übrigens sehr kurzweilig und spannend. Denn er zeigt nicht nur, was gut klappt, sondern auch, was noch sehr schwierig ist und noch nicht schön aussieht: Herausheben, Schweif schlagen, abknattern, alles zu sehen. Und ein souveräner Ausbilder, der dem mit Geduld begegnet. Ausbilden unzensiert, sozusagen. Letztens hat er auch erklärt, warum er mit der Stute Shalimar das Schenkelweichen nutzt und dabei ist es mir überhaupt erst wieder aufgefallen, wie wichtig ich diese Lektion finde. Besonders auch bei Pferden, die sich eher verkriechen, bei denen es nicht so einfach ist, einen guten Kontakt, eine gute Anlehnung, herzustellen. Ganz nebenbei kann es nämlich auch dabei helfen, dass das Pferd besser ans Gebiss tritt. Bei Dressurausbilderin Claudia Butry habe ich das Schenkelweichen auch häufig geritten, aber in viel kürzeren Sequenzen als bei den erstgenannten Ausbildern. Sie setzt es in Reprisen ein. In der Abwechslung gemeinsam mit Schulterherein oder Renvers zum Beispiel. Denn Claudias Wunsch ist es immer, Varianten und Variationen zu nutzen, um eine Verbesserung zu erzielen. Besonders bei tendenziell eiligen Pferden ist mir in ihrem Unterricht aufgefallen, dass der Wechsel zwischen Schenkelweichen und Schulterherein eine gute Möglichkeit ist, zum Treiben zu kommen (Grüße an Chamonix!). Carl Hester ist auch dafür bekannt, das Schenkelweichen wert zu schätzen. 

Schenkelweichen vrs. Schulterherein

Dabei hat Schenkelweichen einen zwiespältigen Ruf: Die einen schwören darauf und setzen es in jeder Einheit mit ein, die anderen reiten es möglichst gar nicht. Oder nur, um einem Pferd zum ersten Mal eine Seitwärtsbewegung zu zeigen, den seitwärts treibenden Schenkel zu erklären, dem Reiter und dem Pferd die diagonale Hilfengebung verständlich zu machen. Das Argument, diese Lektion nicht zu reiten oder weniger, ist stets: Das Pferd lernt dabei nicht, unter den Schwerpunkt zu treten. Anders als bei echten Seitengängen tritt das Pferd beim Schenkelweichen mit dem Hinterbein seitwärts an seinem Körperschwerpunkt vorbei.  Ganz anders als beim Schulterherein, das daher stets als Aspirin der Reiterei lobpreist wird. Zu recht. Aber das ist ein anderes Thema.

Was Dich wirklich, wirklich weiterbringt

Was Dich wirklich weiterbringt ist manchmal etwas anderes, als das, was in der Breite als erstrebenswert gilt. Im Fall Schenkelweichen gilt für mich: Bringt weiter. Uns zumindest. Und jeden Reiter, der nochmal sicher fühlen will, dass das Pferd auf ein Anlegen des inneren Schenkels hin ehrlich an den äußeren Zügel herantritt. Das mit dem Schenkelweichen ist nur ein kleines Beispiel. Grundsätzlich gilt, sogar für alles im Leben: Es ist gut, sich ab und an mal zu fragen, was denn wirklich etwas bringt oder was einen glücklich macht. Diesbezüglich habe ich gemerkt, dass das, was man als Pferdehalter so gemeinhin als erstrebenswert annimmt, es nicht immer ist. Das hat letztens sogar zu einem Stallwechsel meinerseits geführt. Das Paradies mit viel Platz fürs Pferd und perfekten Trainingsbedingungen war es für mich jedenfalls irgendwann nicht mehr. Wünsche ändern sich – oder waren es vielleicht nie wirklich die ureigenen Wünsche? Mehr darüber kannst Du auf www.alifewithhorses.de lesen.